Organspende: Widerspruchslösung korreliert nicht mit mehr postmortalen Spenden


  • Dr. Nicola Siegmund-Schultze
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Die Widerspruchsregelung, also die Zulässigkeit einer Organentnahme bei Hirntod oder Herzstillstand, sofern der potenzielle Spender nicht zu Lebzeiten widersprochen hat, ist nicht mit höheren Organspenderaten assoziiert als die Zustimmungslösung. Bei dieser Regelung muss vor der Organentnahme eine Zustimmung des potenziellen Spenders oder der Angehörigen vorliegen. Ein Vergleich zwischen Organspenderaten in 35 OECD-Nationen und ihren gesetzlichen Regelungen ergab, dass die Widerspruchslösung aber signifikant mit einer geringeren Rate an Lebendorganspenden assoziiert ist.

Hintergrund
Weltweit gibt es in Ländern, in denen überhaupt die rechtlichen und medizinischen Voraussetzungen für Transplantationen gegeben sind, eine Diskrepanz zwischen dem Bedarf und der Verfügbarkeit von menschlichen Organen. Das gilt selbst für Spanien, das mit mehr als 40 postmortalen Spendern pro 1 Million (Mio) Einwohner weltweit das Land mit der höchsten Rate postmortaler Organspender ist (1). Welchen Einfluss die rechtlichen Regelungen auf die Organspende haben, wird international kontrovers diskutiert. Britische Forscher haben diese Fragestellung in einer Analyse von 35 Ländern untersucht (2).

Design

  • Organspenderaten von 35 Nationen, die zum Verbund der Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD) gehören
  • Klassifikation der rechtlichen Regelungen dieser Länder in „Opt-in“ (enge oder erweiterte Zustimungslösung) oder „Opt-out“ (Widerspruchsregelung

Die Analyse erfolgte unter Berücksichtigung von Spanien einmal als „Opt-in“-Land und einmal als „Opt-out“-Land, da Spanien nach Meinung der Autoren keiner der beiden Klassifikationen klar zugeordnet werden könne

Hauptergebnisse
Die durchschnittliche Rate postmortaler Organspender lag bei 20,3/1 Mio Einwohner in Ländern mit Widerspruchslösung (circa die Hälfte) und bei 15,4/1 Mio Einwohner bei Ländern mit Zustimmungslösung. Deutschland, wo bislang die erweiterte Zustimmungslösung gilt und die postmortale Organentnahme nur bei irreversiblem Hirntod möglich ist, lag mit einer Rate von 10,4 Spendern/Mio unter den Ländern mit vergleichsweise geringen postmortalen Spenden. In Spanien waren es 43,6 Spender/Mio, in Portugal (Opt-out) waren es 32,6/Mio, in den USA (Opt-in) 30,7/Mio und in Österreich (Opt-out) 24,8/Mio. Die Differenzen waren zwischen Opt-in- und Opt-out-Ländern nicht statistisch signifikant (p = 0,195), auch nicht bei Berücksichtigung von Spanien in der einen oder der anderen Gruppe.

Signifikant unterschiedlich waren jedoch die Lebendspenderraten zwischen Opt-in- und Opt-out-Ländern: Sie betrugen durchschnittlich 4,8/Mio in Opt-out-Ländern und 15,7/Mio in Opt-in-Ländern (p

Klinische Bedeutung

Die Widerspruchslösung ist, anders als häufig vermutet, nicht mit einer höheren Rate an postmortalen Organspendern assoziiert als die Zustimmungslösung, zumindest nicht bei einem Vergleich von 35 OECD-Ländern. Es bleibe unklar, ob sich die Erwartungen der Länder erfüllten, die einen Wechsel von der Zustimmungs- zur Widerspruchslösung erwägen, heißt es in einem Editorial. Zu diesen Ländern gehört Deutschland. Der deutsche Bundestag wird vermutlich Ende des Jahres über Anträge auf eine Änderung des Transplantationsgesetzes in eine Widerspruchsregelung entscheiden. Ob sich eine Mehrheit für eine solche Änderung finden wird, gilt als völlig offen (3).

Die rechtlichen Regelungen haben große Bedeutung für die Information der Bevölkerung, aber auch für die Aufklärung durch Hausärzte und die Betreuung von Angehörigen potenzieller Organspender durch pflegerisches und medizinisches Personal.

Finanzierung: keine Angaben