Organspende ist nicht gleich Organspende: Intensivmediziner entwickeln Leitlinie für ethische Abwägung


  • Dr. Nicola Siegmund-Schultze
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Die Intensivtherapie zur Feststellung des Hirntods und/oder zur Vorbereitung der Organentnahme nutzt nicht dem Spender, sondern Dritten. Um das damit verbundende Konfliktpotenzial im Einzelfall einzuschätzen und so gering wie möglich zu halten, sollten fünf zentrale Fragen zunächst einzeln beantwortet und dann in einer Gesamtschau bewertet werden, empfiehlt eine Leitlinie von Intensivmedizinern.

Ethische Zielkonflikte am Krankenbett

Die Vorbereitung zur Organspende kann einen ethischen Konflikt bedeuten zwischen der würdevollen Begleitung des Patienten am Lebensende und einem erweiterten Therapiebedarf, der für den Schutz der zur Transplantation vorgesehenen inneren Organe notwendig ist. Der geäußerte oder mutmaßliche Wille des potenziellen Organspenders wirkt im Sterbeprozess, aber auch über seinen Tod hinaus. So erfordert Organspende nicht nur eine allgemeine gesellschaftliche Unterstützung und Würdigung, sondern auch einen im Einzelfall gut begründeten Konsens für das Vorgehen.

Strukturen für eine Bewertung im Einzelfall

Die Sektion Ethik und die Sektion Organspende und -transplantation der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) haben eine Entscheidungshilfe für die klinische Praxis erarbeitet zur Frage, ob und unter welchen Umständen eine erweiterte Behandlung mit dem Ziel der Organspende vertretbar oder gar geboten ist. Die Entscheidung zwischen Therapiebegrenzung und Zulassen des Sterbens einerseits und Therapieausweitung zur Erhaltung der Organe für die Organspende andererseits muss bewusst und rechtzeitig getroffen werden, heißt es in dem Positionspapier der DIVI. In einen entsprechenden Konsens sollten die Meinungen von Angehörigen und allen ärztlichen und pflegerischen Beteiligten miteingegangen ist.

Wichtigste Voraussetzung: Kein Widerspruch des potenziellen Spenders

Eine Ausweitung der medizinischen Maßnahmen zur Hirntoddiagnostik und/oder Aufrechterhaltung der Homöostase der Organe beim potenziellen Organspender darf nur erwogen werden, solange kein expliziter Widerspruch gegen die Organspende bekannt ist: weder vom potenziellen Spender, noch von dessen Stellvertreter oder Angehörigen.

Fünf Dimensionen sind entscheidend

Die fünf zentralen Fragestellungen sind:

  • Der irreversible Hirnfunktionsausfall ist
    • nachgewiesen, vermutet oder erwartet,
  • der Organspendewunsch ist
    • ausdrücklich, mutmaßlich oder ungeklärt,
  • der Wille zur Therapiebegrenzung ist
    • ausdrücklich, mutmaßlich oder ungeklärt,
  • die Eingriffsintensität der erweiterten Behandlungsmaßnahmen ist
    • hoch, mittel, oder gering,
  • die Wahrscheinlichkeit der erfolgreichen Organprotektion ist
    • hoch, mittel oder gering.

Praktische Bewertung

Diese fünf Dimensionen seien in ihrer Ausprägung zunächst getrennt voneinander zu analysieren und danach in einer bewertenden Gesamtschau zusammenzuführen, heißt es in der Leitlinie. Darin wird für die Visualisierung der Analyseergebnisse ein Netzdiagramm in Form eines Pentagons vorgeschlagen. Die Leitlinien sollen helfen, ethische Zielkonflikte in Bezug auf den Therapieumfang bei todgeweihten Patienten zu entschärfen.

Dass Intensivmediziner ein mögliches Vorgehen für die Organentnahme individuell zusammen mit den Angehörigen ethisch einschätzen, könnte zur Information von Hausärzten bei der Aufklärung von Patienten über Organspende gehören.