Organspende: Fachgesellschaften fordern Einführung der Widerspruchslösung


  • Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Spanien, Italien, Norwegen, Schweden, Luxemburg oder Österreich haben sie längst, Frankreich hat sie 2017 eingeführt. Nach der Einführung der Widerspruchslösung in den Niederlanden sprechen sich die Deutsche Transplantationsgesellschaft (DTG) und die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie (DGfN) nun für die Einführung dieser Lösung auch in Deutschland aus. „Die Niederländer haben reagiert, und zwar lange bevor die Situation so prekär wurde wie bei uns. Ich wünsche mir ähnlich mutige Politiker im Bundestag wie in Holland“, erklärt Professor Dr. Christian Hugo, Generalsekretär der DTG.

Der Anlass der Forderung ist bekannt: Deutschland ist, wie kürzlich gemeldet, bei Organspenden unter den Eurotransplant-Ländern Schlusslicht: Bezogen auf je 1 Mio. Bürger betrug die Rate an Organspendern 2017 in Kroatien 31,8, in Belgien 30,6, in Österreich 23,5, in den Niederlanden 14,3 und in Deutschland 9,3. Diese niedrigen Spendezahlen haben fatale Folgen für die Menschen auf der Warteliste: Sie warteten bei uns im Durchschnitt 5-10 Jahre auf eine Niere, in Österreich hingegen nur 18 Monate, in Spanien sogar nur 12 Monate.

Das häufige Argument gegen die Widerspruchslösung, dass dadurch eine Bevormundung vorgenommen werde, lassen DTG und DGfN nicht gelten: „Bevormundung ist, wenn jemand anders eine Entscheidung für einen trifft. Die Widerspruchslösung lässt aber jedem Bürger seine volle Entscheidungsfreiheit. Letztlich sollte uns auch die Tatsache, dass gerade viele als besonders liberal geltende Länder wie Schweden, Frankreich, Belgien oder jetzt die Niederlande die Widerspruchslösung bereits eingeführt haben, Sicherheit dahingehend geben, dass damit keinesfalls demokratische und menschenrechtliche Grundsätze verletzt werden“, so Christian Hugo.

„Die Widerspruchslösung allein löst allerdings nicht alle Probleme, sie muss von einem umfassenden Maßnahmenpaket begleitet werden“, erklärt DTG-Präsident, Professor Bernhard Banas. „Wir haben in Deutschland zahlreiche Probleme, die zu den schlechten Transplantationszahlen führen und die wir in ihrer Gesamtheit angehen müssen.“ Konkret benennt er Defizite bei der Erkennung von potenziellen Organspendern, bundesweit uneinheitliche Regelungen für Transplantationsbeauftragte und die im internationalen Vergleich nur limitierten Möglichkeiten der Transplantationsmedizin. 

Um die deutsche Transplantationsmedizin sei es schlecht bestellt, klagte vor wenigen Wochen auch die Deutsche Gesellschaft für Urologie. „Die jetzige Situation ist im Namen unserer Patienten nicht länger hinnehmbar“, sagte DGU-Präsident Professor Paolo Fornara und forderte eine Systemkorrektur und eine Diskussion über die Herztod-Diagnostik. Die sogenannte Entscheidungslösung, vielfach als gesundheitspolitischer Schnellschuss im Gefolge des Organspendenskandals gerügt, hält auch der DGU-Präsident für einen Systemfehler und fordert außer der Widerspruchslösung auch eine Diskussion über die Herztod-Diagnose als Voraussetzung für eine Organentnahme.