Onkologische Studien: Werden kardiovaskuläre Komplikationen unterschätzt?

  • Journal of the American College of Cardiology

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

In zulassungsrelevanten Studien zu neuen Krebsmitteln werden einer aktuellen Datenanalyse zufolge schwere kardiovaskuläre Nebenwirkungen nicht ausreichend erfasst und berichtet. 

Hintergrund

Chemotherapeutika und auch moderne Immuntherapien können kardiovaskuläre Schäden verursachen, auch lebensbedrohliche. Dies gilt auch für die modernen Immuntherapeutika. Um das Nutzen-Risiko-Verhältnis neuer Krebsmittel beurteilen und auch korrekt kommunizieren zu können, etwa im Gespräch mit Patienten, sind valide Daten zu den kardiovaskulären Nebenwirkungen erforderlich. 

Design

Ausgewertet wurden Daten von rund 97.000 Patienten (Durchschnittsalter 61 Jahre; 46% Frauen), die an 189 Phase-2- und 3-Studien teilnahmen, die für die Zulassung von 123 Krebsmitteln (darunter auch Immuntherapeutika) durch die US-amerikanische Gesundheitsbehörde (FDA: Food and Drug Administration) relevant waren. Die Studien stammen aus den Jahren 1998 bis 2018. Um ihre Befunde einordnen zu können, untersuchten die Forscher auch die gemeldete Inzidenz von schweren kardiovaskulären Ereignissen (MACE) bei etwa 6000 Teilnehmern einer multiethnischen Studie zur Atherosklerose (MESA).

Hauptergebnisse

  • Über 148.138 Personenjahre gab es 1148 Fälle von MACE: 375 Herzinsuffizienzen, 253 Myokardinfarkte, 180 Schlaganfälle, 65 Vorhofflimmern, 29 Koronar-Revaskularisierungen und 246 kardiovaskuläre Todesfälle.
  • Die MACE-Raten waren in der Interventionsgruppe höher als in der Kontrollgruppe (792 vs. 356; P
  • In den 64 Studien, in denen Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen zu Studienbeginn ausgeschlossen wurden, gab es 269 schwere kardiovaskuläre Ereignisse.
  • Die durchschnittliche MACE-Inzidenzrate betrug bei MESA-Teilnehmern 1408 pro 100.000 Personenjahre; in den onkologischen Studien betrug die Rate 542 pro 100.000 Personenjahre. Dies entspricht einem Verhältnis von gemeldeten zu erwarteten Ereignissen von 0,38 - eine 2,6-fach niedrigere Rate gemeldeter Ereignisse (P
  • Darüber hinaus war die MACE-Berichterstattung bei allen Teilnehmern an Krebsstudien unabhängig vom kardiovaskulären Ausgangsstatus um den Faktor 1,7 niedriger (Verhältnis von gemeldeten zu erwarteten Ereignissen; P
  • 51,3 Prozent der Studien berichteten nicht über schwere kardiovaskuläre Komplikationen; bei Studien, in die Patienten mit kardiovaskulären Krankheiten aufgenommen worden waren, betrug dieser Anteil sogar 57,6 Prozent.
  • Fast 40 Prozent der Studien gaben überhaupt keine kardiovaskulären Ereignisse in der Studien-Beobachtungszeit an.
  • Selbst Studien, in denen Substanzen aus Wirkstoffgruppen mit belegter oder zumindest vermuteter Kardiotoxizität untersucht wurden, berichteten nicht alle über kardiotoxische Nebenwirkungen der geprüften Substanz.
  • Es gab keinen signifikanten Unterschied in der MACE-Berichterstattung zwischen sogenannten unabhängigen und von der pharmazeutischen Industrie finanzierten Studien.

Klinische Bedeutung

Über die Gründe für die Diskrepanzen können nur Vermutungen angestellt werden. Ein möglicher Grund könnte  sein, dass die kardiovaskuläre Diagnostik nicht ausgeschöpft wird, um alle relevanten Befunde zu erfassen. Ein Grund könnte auch sein, dass es einige Zeit braucht, bis kardiovaskuläre Komplikationen auftreten. Konsens dürfte darüber bestehen, dass zwischen Onkologen und Kardiologen eine enge Zusammenarbeit bestehen sollte.

Finanzierung: zum Teil durch die National Institutes of Health in den USA.