Omega-3-Fettsäuren: mehr Vorhofflimmern statt Herzgefäß-Schutz

  • Dr. Susanne Heinzl

  • Dr. med. Thomas Kron
  • Konferenzberichte by Medscape
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Zwei neue Studien zur Frage, ob Omega-3-Fettsäuren kardiovaskuläre Ereignisse verringern können, sind zu einem negativen Ergebnis gekommen. Sowohl die STRENGTH- als auch die OMEMI-Studie ergaben mit unterschiedlichen Omega-3-Fettsäure-Präparaten und unterschiedlichen Patientengruppen, dass diese Wirkstoffe kardiovaskuläre Ereignisse nicht verhindern.

Beide Studien wurden in einer Late-Breaking-Science-Sitzung bei den virtuellen Scientific Sessions 2020 der American Heart Association (AHA) vorgestellt und parallel in JAMA bzw. in Circulation publiziert.

In der von Prof. Dr. A. Michael Lincoff, Cleveland Clinic, Ohio, vorgestellten randomisierten STRENGTH-Studie wurden bei über 13.000 Statin-behandelten Patienten mit hohem kardiovaskulären Risiko Omega-3-Carbonsäuren (Epanova®) in einer Dosierung von 4 g/Tag eingesetzt, die Vergleichsgruppe erhielt Maiskeimöl. Die Studie wurde wegen Wirkungslosigkeit im Januar 2020 gestoppt. Vorhofflimmern als unerwünschte Wirkung trat in der Verumgruppe häufiger auf.

In der von Dr. Are Kalstad, Universitätsklinik Oslo, Norwegen, vorgestellten OMEMI-Studie wurde der Frage nachgegangen, wie die zusätzliche Gabe von 1,8 g mehrfach ungesättigten Fettsäuren (n-3-PUFA) in der Sekundärprävention bei Älteren nach Herzinfarkt im Vergleich zu Maiskeimöl wirkt. Auch hier wurde der primäre Endpunkt nicht erreicht, und die Rate an Vorhofflimmern war im Vergleich zur Maiskeimöl-Gruppe leicht erhöht.

Diskussionen über Gründe für negatives Ergebnis

Heftig diskutiert wurde natürlich, warum die beiden Studien negativ waren, während die REDUCE-IT-Studie ja bekanntlich so positiv war. Lincoff führte hierzu aus, dass das in der REDUCE-IT-Studie eingesetzte Icosapent-Ethyl nur Eicosa-Pentaensäuren (EPA) enthält, während Omega-3-Carbonsäuren eine gereinigte Mischung aus den mehrfach ungesättigten freien Fettsäuren Docosa-Hexaensäure (DHA) und Eicosa-Pentaensäure (EPA) enthalten.

Und: Nach 12 Monaten Behandlung wurden mit Icosapent-Ethyl mit 144 mg/l höhere EPA-Spiegel gemessen als mit Omega-3-Carbonsäuren (89,6 mg/l). Unklar sei, ob DHA möglicherweise den Effekt von EPA teilweise sogar aufheben könne.

Lincoff stellte zudem erneut in den Raum, dass das als Vergleichspräparat in der REDUCE-IT-Studie eingesetzte Paraffinöl eine überhöhte Wirkung von Icosapent-Ethyl ergeben haben könnte. So sanken in der Maiskeimöl-Gruppe in der STRENGTH-Studie die Triglyzerid-Werte um 0,9%, LDL-Cholesterin-Werte um 1,1%, Apo-B-Werte um 1,0% und hsCRP-Werte um 6,3%. In der Paraffinöl-Gruppe der REDUCE-IT-Studie stiegen sie dagegen um 2,2%, 10,2%, 7,8% bzw. 32%.

In einem begleitenden Editorial in JAMA fordert JAMA-Herausgeber Dr. Gregory Curfman, dass die Food and Drug Administration (FDA) eine Postmarketing-Studie mit hochdosiertem Icosapent-Ethyl im Vergleich zu Maiskeimöl bei Patienten mit kardiovaskulärem Risiko anordnen sollte [4]. „Dies ist der wichtige nächste Schritt, um weiter Klarheit in diesem verwirrenden klinischen Sachverhalt zu bekommen.“ 

Für den Diskutant der beiden Studien in der AHA-Sitzung, Prof. Dr. Alberico L. Catapano, Universität von Mailand, ist ebenfalls weitgehend unklar, worauf die unterschiedlichen Ergebnisse der Studien beruhen könnten. Es gebe nur ein Ergebnis, das sich in allen Studien zeige, nämlich die erhöhte Inzidenz von Vorhofflimmern.

STRENGTH-Studie bei Statin-behandelten Patienten

In der von AstraZeneca finanzierten STRENGTH-Studie wurden täglich 4 g Omega-3-Carbonsäuren (Epanova®) mit Maiskeimöl verglichen. Omega-3-Carbonsäuren enthalten eine Mischung von DHA und EPA. Die in 686 Zentren in 22 Ländern aufgenommenen 13.078 Patienten hatten ein hohes kardiovaskuläres Risiko mit einem Triglyzeridspiegel zwischen 180 und 500 mg/dl und einem HDL-Cholesterinspiegel von 42 mg/dl (Männer) oder 47 mg/dl (Frauen). Primärer Endpunkt der Studie war die Kombination aus kardiovaskulär bedingtem Tod, koronarer Revaskularisierung oder Hospitalisierung wegen instabiler Angina. Die Studie war ereignisgesteuert und war wegen Unwirksamkeit der Behandlung im Januar 2020 abgebrochen worden. Die Patienten wurden im Median 38,4 Monate behandelt und 42,0 Monate nachbeobachtet. Die demographischen Parameter der beiden Gruppen waren gut vergleichbar.

  • Triglyzerid-Werte nahmen in der Verumgruppe um 19% ab, hsCRP-Werte um 20%.
  • Der primäre Endpunkt wurde nicht erreicht (Hazard Ratio [HR] 0,99, p=0,84). „Trotz eines Anstiegs der EPA-Spiegel im Blut um 270 bis 300%, überlagerten sich die Kurven der beiden Gruppen“, so Lincoff.
  • In der Omega-3-Gruppe waren gastrointestinale Störungen (24,7 vs. 14,7%) und neu aufgetretenes Vorhofflimmern häufiger (2,2 vs. 1,3 %, HR 1,69). Dies bedeutet eine Number Needed to Harm (NNH) von 114 bezüglich des Vorhofflimmerns.

OMEMI-Studie bei älteren Patienten nach Herzinfarkt

In der multizentrischen randomisierten, doppelblinden OMEMI-Studie (Omega-3 fatty acids in Elderly with Myocardial Infarction) wurden 1,8 g n-3 PUFA (n=505) mit Maiskeimöl (n=509) bei älteren Patienten (70 bis 82 Jahre) nach einem Herzinfarkt verglichen. Die Behandlung begann 2 bis 8 Wochen nach dem Infarkt. Die demographischen Parameter der beiden Gruppen waren ähnlich. Der LDL-Cholesterinspiegel lag bei 75 mg/dl, der Triglyzeridspiegel bei ca. 110 mg/dl. Primärer Endpunkt war die Kombination aus nichttödlichem Herzinfarkt, Revaskularisierung, Schlaganfall, Hospitalisierung wegen Herzinsuffizienz oder Tod jeder Ursache. Sekundärer Endpunkt war neu aufgetretenes Vorhofflimmern.

  • Der primäre Endpunkt wurde nach 2 Jahren Follow-up nicht erreicht. In der Verum-Gruppe waren 108 und in der Placebo-Gruppe 102 Ereignisse eingetreten (HR 1,07, p=0,62). Die Omega-3-Fettsäuren-Gabe hatte auch bei allen Einzelkomponenten des primären Endpunkts keine Wirkung.
  • In der Verumgruppe traten mit 7,2% mehr neue Fälle von Vorhofflimmern auf als in der Vergleichsgruppe mit 4,0% (HR 1,84, p=0,06).

Obwohl der Unterschied nicht statistisch signifikant war, „können wir eine potenziell schädliche Wirkung durch Erhöhung des Risikos für ein Vorhofflimmern nicht ausschließen“, so Kalstad.