Östradiol schützt das weibliche Gehirn vor Schäden und Abbau der grauen Substanz

  • Zsido RG
  • JAMA network
  • 24.06.2019

  • von Dr. Stefanie Reinberger
  • Studien – kurz & knapp
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Kernaussagen

  • Während viszerales Fett die Gehirnalterung vorantreibt, wirkt sich Östradiol zumindest bei Frauen im Alter von 35 bis 55 Jahren schützend auf die Gehirnstruktur und die Gedächtnisleitung aus.
  • Geschlechtsspezifische Hormone müssen daher stärker berücksichtigt werden, wenn es um das Risiko für neurodegenerative Erkrankungen geht.

Hintergrund

Vermehrtes viszerales Fett gilt als Risikofaktor für kognitive Beeinträchtigungen im späteren Lebensalter. Östradiol dagegen scheint eine protektive Funktion zu haben. Das Hormon trägt nicht nur zur Erhaltung des weibliche Fortpflanzungssystems bei. Es wirkt außerdem gefäßerweiternd, antiapoptotisch und antioxidativ, was helfen kann, die Myelinarchitektur zu erhalten – und damit das Gehirn zu schützen. Bislang war jedoch unklar, wie und zu welchem Zeitpunkt Organfett und Östradiol die Gehirnstruktur wechselseitig beeinflussen.

Studiendesign

Cross-sektionale Studie mit 974 kognitiv gesunden Probanden der LIFE-Studie (darunter 501 Männer und 473 Frauen) im Alter zwischen 20 und 80 Jahren. Mit Hilfe der Magnetresonanztomographie (MRT) wurden Gehirnstruktur und Körperfett erfasst. Außerdem wurde der Östradiolspiegel im Blut gemessen, und die Probanden absolvierten Tests zur Gedächtnisleitung.

Hauptergebnisse

  • Viszerales Fett wirkt sich im Gehirn negativ auf Gedächtnisnetzwerke aus.
  • Diese negative Assoziation zwischen viszeralem Fett und der Kovarianz von Gedächtnisnetzwerken war bei Männern stärker ausgeprägt (angepasst R2 = 0.33; β = −0.57; P R2 = 0.29; β = −0.54; P
  • Sowohl bei Männern (Interaktionseffekt β = −0.02; t497 = −4.83; 95% BBCI, −0.03 to −0.01; P t469 = 4.07; 95% BBCI, −0.03 to −0.01; P = .001) zeigte sich eine Assoziation zwischen Alter und Veränderungen in den Netzwerken.
  • Das Östradiol-Niveau im Blut war mit Kovarianzen von Gedächtnisnetzwerken im Gehirn positiv assoziiert. Signifikant war dies jedoch nur bei Frauen (β = 0.63; 95% BBCI, 0.14-1.12; t177 = 2.52; P = .01).
  • Bei Frauen zwischen 35 und 55 Jahren war ein niedriges Östradiol-Niveau mir einer geringeren Kovarianz der Gedächtnisnetzwerke (Cohen d = 0.61; t80 = 2.76; P = .007) sowie mit schlechterer Gedächtnisleistung assoziiert (d = 0.63; t76 = 2.76; P = .007).

Klinische Bedeutung

Insbesondere in der Lebensmitte scheint Östradiol eine entscheidende Rolle dabei zu spielen, das weibliche Gehirn strukturell intakt und das Gedächtnis gesund zu halten. "Durch die Abnahme von Östradiol in dieser mittleren Lebensphase wird der normale Alterungsprozess beschleunigt. Es scheint aber so, als würde Östradiol das Gehirn von Frauen während der Lebensmitte vor strukturellen Schäden an der Grauen Substanz schützen", sagt Studienautorin Julia Sacher, Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften sowie Klinik für kognitive Neurologie der Universität Leipzig. Das betont die Notwendigkeit, geschlechtsspezifische Hormone stärker zu berücksichtigen, wenn es darum geht, das Risiko für neurodegenerative Krankheiten zu untersuchen. Das sei laut Sacher insbesondere für die Lebensmitte wichtig, da sich hier für Frauen eine Chance zur Prävention biete.

Limitierungen

  • MRT-Untersuchungen sind nicht geeignet, um Veränderungen im Gehirn auf zellulärer Ebene zu erfassen.
  • Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass andere Faktoren zur Gehirnalterung der Probanden beigetragen haben.

Finanzierung

The Branco Weiss Fellowship–Society in Science und andere