OECD-Bericht moniert Verschwendung im EU-Gesundheitswesen

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  • von Karl-Heinz Patzer
  • Medizinische Nachrichten
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Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, OECD, hat eine Vergleichsanalyse zur Gesundheit der EU-Bürger und zur Leistung der Gesundheitssysteme der 28 EU-Mitgliedstaaten sowie der Bewerber- und EFTA-Länder vorgelegt. Der Bericht „Gesundheit auf einen Blick: Europa 2018“ moniert unter anderem verschwenderische Ausgaben im Gesundheitswesen sowie zu geringe Fortschritte bei der Erhöhung der Lebenserwartung der Bevölkerung. Zudem fordern die OECD-Experten konzertierte Anstrengungen zur Förderung einer besseren psychischen Gesundheit in Europa.  

Grundlage des OECD-Berichts  

Basis der Ergebnisse der OECD-Studie sind größtenteils Daten aus offiziellen nationalen Statistiken. Einige Daten stammen auch aus von Eurostat koordinierten europäischen Erhebungen, insbesondere der EU-Statistik zu Einkommen und Lebensbedingungen (EU-SILC), dem European Health Interview Survey (EHIS) sowie vom Europäischen Zentrum für Krankheiten, Prävention und Kontrolle (ECDC) und der gemeinsamen Forschungsstelle der Europäischen Kommission (JRC). Um die Qualität und Vergleichbarkeit der Daten sicherzustellen, wurden sie von OECD, Eurostat und der WHO validiert.  

Hauptergebnisse: Gesundheitskosten  

Der OECD-Bericht stellt unter anderem die Kosten der Gesundheitsversorgung in verschiedenen Ländern gegenüber und macht auf Geldverschwendung im Gesundheitswesen aufmerksam. Im EU-weiten Durchschnitt sind der Analyse zufolge bis zu einem Fünftel der Ausgaben vermeidbar, weil es sich um unnötige Tests und Therapien handelt oder die Patientenversorgung mit geringerem und preiswertem Ressourcenaufwand erfolgen könnte. So seien viele Krankenhausaufenthalte zu vermeiden, wenn chronische Krankheiten schon in der Primärversorgung besser behandelt würden. Unnötige Klinikaufenthalte verursachen nach den Berechnungen der OECD-Experten EU-weit jedes Jahr über 37 Millionen Betttage. In Deutschland zum Beispiel seien 6,3 Prozent der Klinikeinweisungen überflüssig, wenn Diabetes, Bluthochdruck, Herzinsuffizienz, COPD oder Asthma schon beim Hausarzt optimal behandelt würden. Kosteneinsparungen fordert der Bericht auch im Bereich der Arzneimittelausgaben.

Die Experten empfehlen den Mitgliedstaaten hierfür eine Kombination verschiedener Hebel wie etwa den Einsatz technologischer Instrumente zur Sicherstellung eines angemessenen Preis-Leistungs-Verhältnisses, eine vermehrte Verordnung von Generika und Biosimilars, die Förderung rationeller Verschreibung sowie die Verbesserung der Patientenhaftung.  

Hauptergebnisse: Lebenserwartung  

Während die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen in einzelnen EU-Staaten im Zeitraum von 2001 bis 2011 um zwei bis drei Jahre gestiegen ist, ist nun eine deutliche Verlangsamung der positiven Entwicklung eingetreten. In Deutschland werden Mädchen, die 2016 zur Welt kamen, im Schnitt 83,5 Jahre alt, Jungen 78,6 Jahre. Das ist in etwa europäischer Durchschnitt, allerdings nur der vorletzte Rang unter den westeuropäischen Ländern. Wer 2016 in Deutschland 75 Jahre alt war, kann im Durchschnitt mit weiteren zwölfeinhalb Jahren Leben rechnen, in Frankreich und Italien sogar mit 13,5 bis 14 Jahren.

Dass sich die Erhöhung der Lebenserwartung verlangsamt, sieht der OECD-Bericht darin begründet, dass es nur noch geringe Fortschritte bei den Überlebensraten chronischer Erkrankungen gibt, während die Zahl der Patienten mit Adipositas und Diabetes steigt. In einigen Ländern starben zudem mehr ältere Menschen während schwerer Grippewellen als in den Vorjahren üblich. Die Analyse verdeutlicht auch, dass nicht nur das Geschlecht, sondern auch der soziale und wirtschaftliche Status eines Menschen seine Lebenserwartung erheblich beeinflusst. „Menschen mit niedrigem Bildungsniveau können damit rechnen, dass sie sechs Jahre weniger leben als Menschen mit hohem Bildungsgrad", heißt es in dem Bericht. Positiv wird vermerkt, dass die Akutversorgung bei lebensbedrohlichen Erkrankungen im vergangenen Jahrzehnt in den meisten Ländern besser geworden ist.  Die durch Herzinfarkt oder Schlaganfall verursachten Todesfälle sind gesunken und die Krebsbehandlung hat beachtliche Fortschritte gemacht. „Die Überlebensraten bei verschiedenen Krebsarten waren nie höher“, steht in dem Bericht. Dennoch gebe es in vielen Ländern immer noch ein großes Potenzial für weitere Verbesserungen bei der Krebsbehandlung.  

Hauptergebnisse: Psychische Erkrankungen  

Die OECD-Analyse zeigt, dass im Jahr 2016 jeder sechste EU-Bürger an einem psychischen Problem wie Depressionen, Angststörungen oder Alkohol- oder Drogensucht leidet. Das entspricht etwa 84 Millionen Menschen. Mehr als 80.000 Menschen starben 2015 an einer psychischen Erkrankung oder begingen Selbstmord. Eine schnellere Diagnose und bessere Therapie würden laut dem Bericht Millionen Menschen zu Gute kommen. Aber auch Wirtschaft und Gesellschaft würden von erheblichen Einsparungen profitieren: Die Gesamtkosten für psychische Erkrankungen werden in den 28 EU-Ländern auf über 4 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) geschätzt – das entspricht mehr als 600 Milliarden Euro. 190 Milliarden Euro spiegeln die direkten Gesundheitsausgaben wider, 170 Milliarden werden für Sozialversicherungsprogramme ausgegeben und weitere 240 Milliarden Euro verschlingen indirekte Kosten auf Grund geringerer Beschäftigung und Produktivität. Auch wenn es in vielen europäischen Ländern bereits effiziente Programme zur Behandlung psychischer Erkrankungen in verschiedenen Altersgruppen gebe, müsse nach Auffassung der Autoren noch viel mehr getan werden, um die psychische Gesundheit der Menschen zu steuern und zu fördern.  

Fazit  

Zur Verbesserung der Gesundheit in Europa sollte laut OECD-Bericht zum einen die Prävention und die Aufklärung über Gesundheitsrisiken verbessert werden. Zum anderen sollten die Gesundheitssysteme der Mitgliedstaaten Patienten-orientierter ausgerichtet werden. Und schließlich sollte für jedermann der Zugang zur Gesundheitsversorgung erleichtert werden.