Obduktionen bei COVID-19-Patienten: Thromboembolien sind häufiger Todesursache als vermutet

  • Ann Intern Med; J Am Coll Cardiol

  • von Dr. Nicola Siegmund-Schultze
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Bei allen verstorbenen COVID-19-Patienten, die in einer konsekutiven Fallserie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf obduziert worden waren, fand sich die Todesursache in der Lunge und in ihren Blutgefäßen. Überraschend für die Rechtsmediziner: 58 % der Patienten hatten zuvor unbekannte tiefe Beinvenenthrombosen. Bei einem Drittel der Patienten (4/12) waren Thromben von der Peripherie in die Blutgefäße der Lunge gelangt und hatten als Lungenembolie den Tod verursacht. Nun wird eine intensivere Thromboseprophylaxe bei stationären COVID-19-Patienten empfohlen. Koronare Herzerkrankungen und Lungenkrankheiten wie Asthma oder chronisch-obstruktive Lungenerkrankung waren häufig vorbestehende Komorbiditäten.

Hintergrund
Verläufe von COVID-19 haben einige Besonderheiten im Vergleich zu anderen Lungenerkrankungen durch Coronaviren. Noch ist nicht ausreichend bekannt, welche pathophysiologischen Prozesse ursächliche für schwere Verläufe sind. Als Reaktion auf die neue SARS–CoV-2-Pandemie hatte das Bundesland Hamburg angeordnet, dass alle Patienten, die dort an COVID-19 sterben, obduziert werden müssen. Auf Basis solcher Bestimmungen sind prospektive Kohortenstudien möglich. Von 12 konsekutiven Fällen haben das Institut für Rechtsmedizin der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf und die behandelnden Ärzte nun detaillierte Ergebnisse publiziert (1).

Design

  • monozentrische, prospektive Kohortenstudie
  • umfassende Obduktionen von 12 Patienten, die an COVID-19 gestorben waren, darunter 2 nicht stationäre Patienten
  • post mortem-Computertomographie
  • histologische und virologische Untersuchungen

Hauptergebnisse

  • Bei allen obduzierten Patienten waren makroskopisch Veränderungen in den Lungen erkennbar, bei 3 Patienten auch eine vergrößerte Milz, die mit einer Virusinfektion kompatibel war. An anderen Organen gab es keine makroskopisch sichtbaren Veränderungen.
  • Bei 4 der 12 untersuchten Verstorbenen waren massive pulmonale Embolien todesursächlich. Die Thromben waren aus Venen der unteren Extremitäten in die Lungengefäße gelangt. Bei 3 Toten gab es frische tiefe Venenthrombosen ohne pulmonale Embolie. Bei 6 der 9 Männer fanden sich frische Thromben im Plexus venosus prostaticus.
  • Im post-mortem-CT waren deutlich pneumonische Infiltrationen beidseitig erkennbar, ohne entsprechendes Korrelat aus der Anamnese des Patienten wie Emphysem oder Tumor.
  • Die quantitative PCR ergab SARS–CoV-2-RNA in den Lungen aller Patienten mit einer Viruslast zwischen 1,2×104 bis 9×109 Kopien/mL. Bei 4 Patienten war SARS–CoV-2-RNA im Hirngewebe und in der Vena saphena nachweisbar.

Klinische Bedeutung
Die Untersuchungsergebnisse aus der Rechtsmedizin hätten die Kliniker sehr überrascht, kommentierte Professor Stefan Kluge, Direktor der Klinik für Intensivmedizin des UKE und Mitautor der Publikation, in der Sendung ARD extra vom 7. Mai. „Denn mehr als 50 % der Autopsierten hatten Beinvenenthrombosen beidseits und ein Drittel tödliche Lungenembolien. Das ist für uns in dieser Ausprägung und Relevanz neu und dramatisch. Eine praktische Konsequenz ist, dass wir die Antikoagulation bei COVID-19-Patienten intensiviert haben.“

Eine solche Intensivierung empfehlen europäische und US-amerikanische Fachgesellschaften (2), nachdem zeitgleich mit der Hamburger Publikation eine weitere Studie erschien (3). Sie weist direkt auf Vorteile einer therapeutischen Gabe von Gerinnungshemmern bei COVID-19-Patienten hin. Diese ist höher dosiert ist als bei der allgemein üblichen Prophylaxe.
 

Finanzierung: keine Angaben