Nutzen der Statine zur Primärprävention geringer als angenommen


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

In der Primärprävention werden Statine möglicherweise zu oft eingesetzt. Die in vielen Leitlinien empfohlenen Therapie-Schwellen (Zehn-Jahres-Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse) sind vermutlich zu niedrig, auch weil das große Spektrum der möglichen Nebenwirkungen der Lipidsenker nicht ausreichend berücksichtigt wird. Der Nutzen bei einer bestimmten Therapie-Schwelle variiert in Abhängigkeit vom Alter und Geschlecht der Patienten und vom jeweiligen Statin, so dass unterschiedliche Empfehlungen in Abhängigkeit von diesen Faktoren sinnvoll sind.

Hintergrund

Über den Nutzen von Statinen in der Primärprävention kardiovaskulärer Erkrankungen wird seit vielen Jahren kontrovers diskutiert. Die meisten Leitlinien empfehlen eine Statin-Therapie ab einem zuvor definierten Zehn-Jahres-Risiko für kardiovaskuläre Komplikationen. Viele medizinische Leitlinien raten, ab einem Risiko von 10% mit der Einnahme von Statinen zu beginnen. Den US-amerikanischen-Empfehlungen  zufolge kann eine Statin-Therapie allerdings schon bei einem Risiko von 7,5 Prozent erwogen werden. Diese Risiko-Schwelle überschreiten alte Menschen oft allein aufgrund ihres Alters. Wissenschaftler vom Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention der Universität Zürich haben nun eine umfassende statistische Modellierung dazu durchgeführt.

Design

Für ihre Berechnungen haben die Autoren die Daten jener Studien verwendet, die den Nutzen und die Nebenwirkungen einer primärpräventiven Statin-Einnahme nei Menschen ohne kardi0vaskuläre Erkrankung dokumentierten. Zudem befragten sie gesunde Personen, welche Bedeutung Herzinfarkte, Hirnschläge und bestimmte Nebenwirkungen für sie haben, um auch die Perspektive der Patienten in das Modell einfliessen zu lassen.

Anhand dieser Informationen berechneten die Wissenschaftler dann neue Schwellenwerte für Männer und Frauen in verschiedenen Altersgruppen zwischen 40 und 75 Jahren. Zudem verglichen sie den Nutzen und die Nebenwirkungen von vier häufig eingesetzten Statin-Präparaten.

Eine Besonderheit dabei ist, dass in Relation zu den Leitlinien ein relativ großes Spektrum an möglichen Nebenwirkungen  berücksichtigt wurde. 

Hauptergebnisse

Vor allem für alte Patienten wurde der Nutzen von Statinen bis jetzt anscheinend stark überschätzt: Für die Altersgruppe der 70-75-Jährigen ergaben die Berechnungen einen Schwellenwert von etwa 21%, für Frauen dieser Altersgruppe sogar einen Wert von 22 Prozent. Erst ab diesem Wert für das kardiovaskuläre Risiko überwiegt der potenzielle Nutzen von Statinen die Schäden durch mögliche Nebenwirkungen. Für 40-45-jährige Männer und Frauen lag der Schwellenwert mit 14% bzw. 17% etwas niedriger, aber immer noch über den  verbreiteten 7,5 bis 10 Prozent. Weiterhin stellten die Wissenschaftler fest, dass zwei der vier untersuchten Statin-Präparate, nämlich Atorvastatin und Rosuvastatin, ein deutlich besseres Nutzen-Risiko-Verhältnis haben als  aanderen Simvastatin und Pravastatin. 

Klinische Bedeutung

Die Ergebnisse der Berechnungen sprechen nach Ansicht der Autoren dafür, die für die Primärprävention mit Statinen empfohlenen Risiko-Schwellenwerte zu erhöhen. Zudem sollten dabei unterschiedliche Empfehlungen in Abhängigkeit von Alter, Geschlecht und Statin ausgesprochen werden.

Bei der Bewertung der Studie ist zu beachten, dass die Zürcher Wissenschaftler ein großes Spektrum an möglichen Nebenwirkungen der Statine berücksichtigt haben, darunter Hirnblutungen, akute Nierenschäden und Leberfunktionsstörungen. Dadurch ist das Nutzen-Risiko-Verhältnis der Statine von vornherein verschlechtert worden. Ob diese Vorgehensweise wissenschaftlich ausreichend begründet ist, wird kontrovers diskutiert. Zudem gibt es Studien, die für eine Primärprävention sprechen, so etwa eine kürzlich publizierte Auswertung der beiden Studien JUPITER und HOPE 3. Eine ebenfalls kürzlich publizierten Post-hoc-Subanalyse der 2002 veröffentlichten Studie ALLHAT-LLT ohne Placebo-Kontrolle ergab jedoch bei mindestens 65-Jährigen keinen Überlebensvorteil durch primärpräventiv verabreichtes Pravastatin (40 mg). 

Finanzierung: öffentliche Mittel, Universität Zürich, Beatrice-Ederer-Weber-Stiftung