Nikotin war gestern – heute ist Zucker

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Ernährungs-Themen sind „in“ und offensichtlich besonders gut geeignet, die Gemüter vieler Menschen zu erhitzen. Das größte Aufregerthema in den sozialen Netzwerken hierzulande liefere die veränderte Rezeptur von Nutella - weniger Kakao, mehr Zucker,  stellte kürzlich Garbor Steingart, Herausgeber des „Handelsblattes“ fest. Der Ferrero-Konzern habe damit, so Steingart, seine Weltverdickungspläne nochmals radikalisiert.

Ob da tatsächlich ein Konzern Weltverdickungspläne hegt, sei dahingestellt. Unstrittig dürfte sein, dass in der Zucker- und Nahrungsmittel-Branche so wie in anderen Branchen auch mit harten Bandagen um Profite gekämpft wird. Und manche Industrie-Vertreter scheinen dabei nicht immer seriös zu handeln. Beispiel: Die Zucker-Industrie. Genauer: die US-amerikanische Zucker-Industrie. Diese habe in ihrer Vergangenheit einiges getan, was Zweifel an ihrer Seriösität aufkommen lasse. Das meinen unter anderen Cristin Kearns, Dorie Apollonio und Stanton Glantz von der Universität von San Francisco, Selbstverständlich nicht grundlos und ohne Argumente. Kearns etwa, die zusammen mit anderen Wissenschaftlern seit einigen Jahren gegen die Zucker-Industrie und Nahrungsmittel-Konzerne wettert und auch eine Webseite  betreibt, hat mit ihren Kollegen interne Dokumente - E-Mails und Gesprächsprotokolle - der US-amerikanischen „Sugar Research Foundation“ (SRF; heute „Sugar Association“) ausgewertet und dabei Bemerkenswertes zu Tage gefördert ( „PLOS Biology“ ).

Der Vorwurf: unangenehme Forschungsbefunde wurden verschwiegen

So beauftragte die SRF vor rund 50 Jahren einen Wissenschaftler (W.F.R. Pover) der Universität Birmingham mit Tierexperimenten zum Zusammenhang von Darmflora, Zucker und Stärke. Das damalige Honorar soll etwa heutigen 187 000 US-Dollar entsprochen haben. Als das Projekt (259) fast abgeschlossen war, bat Pover um eine weitere Unterstützung, um seine bislang erhaltenen Befunde „sattelfest“ zu machen. Doch die SRF beendete - angeblich entgegen einer früheren Vereinbarung - das Projekt. Ergebnisse der Tierexperimente wurden nie publiziert. Die Gründe sollen unklar sein. Vermutet wird, dass die Ergebnisse der SRF nicht so recht mundeten, denn ein Resultat war, dass Zucker im Vergleich zu Stärke möglicherweise Herzgefäß-Krankheiten fördert und zudem karzinogen sein könnte.

Laut Stanton Glantz, der zuvor schon gegen die Tabak-Industrie zu Felde gezogen war, zeigt ihre historische Arbeit, dass die Zucker-Industrie bzw. Nahrungsmittel-Industrie Forschungs-Befunde unterdrücke, die nicht genehm seien. Die SRF habe die Forschung von Povel gestoppt, als sich abgezeichnet habe, dass die Ergebnisse in die „falsche Richtung“ wiesen.  So sieht dies offenbar auch die Biologin und Ernährungsexpertin Professorin Marion Nestle (New York University), die seit Langem schon Nahrungsmittel-Konzernen oder „BIG FOOD“ vorwirft, ähnlich wie die Tabak- und pharmazeutische Industrie dem Profit so gut wie alles zu opfern.

Eine Desinformationskampagne mit Hilfe von Wissenschaftlern

Die aktuellen Befunde der Arbeit von Kearns und Glantz sind keine Überraschung. Bereits im vergangenen Jahr berichteten die Forscher auf der Grundlage der internen Dokumente, dass die Zucker-Industrie vor rund einem halben Jahrhundert eine Kampagne ins Leben gerufen habe, um den Verdacht, dass es einen Zusammenhang zwischen Zucker und Herzgefäß-Krankheiten gebe, zu vernebeln. Geleitet worden sei die Kampagne von SRF-Vizepräsident John Hickson, der später dann einen Job in der Tabak-Industrie angenommen haben soll. Als Helfershelfer für die Kampagne engagierte Hickson Wissenschaftler der Harvard-Universität; diese fabrizierten einen Übersichtsbeitrag, in dem sie, etwa durch gezielte Auswahl der wissenschaftlichen Studien, den Zusammenhang zwischen Zucker und Herzgesundheit herunterspielten und die Bedeutung gesättigter Fette hingegen betonten. Der Beitrag erschien im renommierten  „New England Journal of Medicine“ . Die Diskussion über Zucker seien so für Jahrzehnte in die falsche Richtung gelenkt worden, sagt Stanton Glantz. 

Versuchte und auch erfolgreiche Einflussnahme auf Wissenschaftler und Wissenschaft ist der Zucker- bzw. Nahrungsmittel-Industrie so wie anderen Industrie-Zweigen in den vergangenen Jahren mehrfach vorgeworfen worden. Unter jenen Wissenschaftlern, die zum Beispiel daran zweifeln, dass stark gezuckerte Getränke Übergewicht fördern, fänden sich überwiegend Wissenschaftler mit guten Beziehungen zur Lebensmittel- und Getränkeindustrie, schrieben vor vier Jahren Autoren einere Analyse von Übersichtsarbeiten ( „PLOS Medicine“ ).

Nur Spekulationen und Verschwörungstheorien?

Das alles war und ist natürlich Wasser auf die Mühlen vieler Kritiker der Branche, darunter auch Diabetologen und medizinische Fachgesellschaften. Insbesondere die Deutsche Diabetologen-Gesellschaft etwa hat der Zucker-Industrie in den letzten Jahre mehrfach Fehlbehauptungen und plumpen Lobbyismus vorgeworfen. Die Zucker-Industrie und ihre Verbündeten sowie Lobbyisten sehen das natürlich anders: Die aktuelle Publikation von Glantz und seinen Kolleginnen sei, so die „Sugar Association“ , nur eine Sammlung von Spekulationen einer Gruppe von Wissenschaftlern, finanziert von Einzelpersonen und Organisationen, die bekannte Kritiker der Zucker-Industrie seien. Finanziert wurde die Forschung übrigens von den National Institutes of Health und der „Laura and John Arnold Foundation“ einer privaten Stiftung, die sich unter anderem für höhere Steuern auf zucker-haltige Getränke stark macht.

Schon vor zwei Jahren hieß es in einer Pressemitteilung der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker (WVZ), dem Dachverband der Rübenbauern und Zuckerfabriken in Deutschland,  zu einem TV-Bericht : „Zucker macht weder krank noch dick, und ganz sicher tötet Zucker nicht. Er gehört ganz einfach zu einer ausgewogenen Ernährung dazu. Die Behauptung, Zucker sei ein Killer (das hieße, dass Zucker tötet und das sogar mit Vorsatz und im Auftrag), stellt jedoch den Zucker – und damit auch die Zuckerwirtschaft – in eine kriminelle Ecke. Sie beschädigt das Ansehen eines ganzen Wirtschaftszweiges…Auf der Suche nach den Ursachen glauben einzelne, aber lautstarke Kritiker, im Zucker die wesentliche Ursache für diese modernen Probleme gefunden zu haben. Das ist schlicht falsch. Was die Ursachen für diese Zivilisationskrankheiten sind, dazu wird weltweit geforscht, manchmal auch spekuliert und oft leidenschaftlich gestritten. Nach allem, was die heutige Studienlage hergibt, können Zivilisationskrankheiten sehr viele Ursachen haben. ..Die deutsche Zuckerwirtschaft, kommt auf Basis der Studienlage zu dem Schluss, dass Zucker nicht zu den Ursachen gehört.“

Ähnlich lautet eine aktuelle Stellungnahme der WVZ. Dort heißt es: „Die Ernährungsdebatte läuft in die falsche Richtung. Vielen Argumenten fehlt die wissenschaftliche Basis. Entscheidend ist die Kalorienbilanz. Wer mehr Kalorien aufnimmt, als er verbraucht, nimmt zu. Ganz gleich, woher diese Kalorien stammen. Zucker ist kein Dickmacher und deswegen auch kein Risikofaktor für Zivilisationskrankheiten...Die Deutschen nehmen heute nicht mehr, sondern eher weniger Kalorien auf als früher. Doch viele Menschen bewegen sich heute weniger in Beruf oder Freizeit.“

Nach Ansicht der WFZ könne es sogar sein, dass weniger Zucker die Menschen dick mache. Denn: „Wer Zucker in festen Lebensmitteln reduziert, muss ihn durch andere Stoffe ersetzen. Die bringen auch Kalorien mit – manchmal sogar mehr als Zucker.“   Ebenso könnte man allerdings auch dafür plädieren, den Zigaretten-Konsum nicht einzuschränken, weil manche Ex-Raucher die Glimmstengel durch Schokolade und Sahnetorte ersetzt würden.

Fazit

Auch wer nicht zu Spekulationen und Verschwörungstheorien neigt, wird die Zucker- und Nahrungsmittel-Industrie nicht für eine Vereinigung von sündenferner Klosterschülerinnen und -schüler halten. Die Erfahrungen mit großen Konzernen - nur ein Stichwort lautet Diesel-Gate - sprechen etwas dagegen.  Einige Groß-Konzerne haben hart daran gearbeitet und viel dafür getan, dass sich Vertrauen in sie zunehmend verflüchtigt hat. Insofern ist es zu begrüßen, dass es etwas mehr Transparenz und Gegenstimmen gibt und so unsere Wissbegierde ein wenig  befriedigt wird. Der Preis dafür sind eine gewisse Unsicherheit und Unruhe, möglicherweise sogar schlaflose Nächte. „Je weniger die Leute davon wissen, wie Würste und Gesetze gemacht werden, desto besser schlafen sie“, wusste schon Otto von Bismarck.