Neuromyelitis optica: Phase-3-Studie belegt Wirksamkeit von Interleukin-6-Antikörper

  • New England Journal of Medicine

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Satralizumab hat sich in einer weiteren Phase-3-Studie als wirksam bei Neuromyelitis optica erwiesen: Im Vergleich zu Placebo hat der gegen Interleukin 6 gerichtete Antikörper statistisch signifikant Rückfälle verhindert. Schmerzen und Müdigkeit hat der noch experimentelle Wirkstoff allerdings nicht beeinflusst. 

Hintergrund

Schätzungen zufolge leiden in Deutschland höchstens 2000 Menschen an Neuromyelitis optica; Frauen sind neunmal so häufig betroffen wie Männer. Die chronisch-entzündliche Autoimmunkrankheit kann in jedem Alter ausbrechen, verläuft schubförmig und schädigt dabei Rückenmark und Sehnerv. In der Regel treten neurologische und körperliche Beeinträchtigungen sehr schnell auf, zum Beispiel Muskelschwäche, Lähmungen und Blindheit. Die genauen Ursachen sind unbekannt, allerdings scheint der Aquaporin-4-Antikörper eine bedeutende Rolle zu spielen. Der Antikörper bindet an den Aquaporin-4-Kanal, der den Wasserhaushalt von Nervenzellen reguliert. Bei rund zwei Drittel der Patienten sind Aquaporin-4-Antikörper (AQP4-IgG) nachweisbar. Satralizumab ist eine von mehreren neuen Substanzen für die Therapie von Patienten mit Neuromyelitis optica. Bereits in den USA zugelassen ist Eculizumab . Noch in der klinischen Prüfphase befindet sich der Antikörper Inebilizumab, zu dem vor wenigen Wochen Daten einer randomisierten, placebo-kontrollierten Doppelblind-Studie mit erwachsenen Patienten (überwiegend AQP4­IgG­-seropositiv) veröffentlicht wurden. Klinische Daten zu Satralizumab wurden kürzlich in Stockholm beim ECTRIMS-Kongress („European Committee for Treatment and Research in Multiple Sclerosis") präsentiert. Danach reduziert dieser Antikörper signifikant - und zwar als Monotherapeutikum - die Häufigkeit von Rückfällen, insbesondere bei Patienten mit Aquaporin-4-Antikörpern. Eine weitere Phase-3-Studie zu diesem Antikörper ist nun im „New England Journal of Medicine“ erschienen. In dieser Studie erhielten alle Patienten eine Basis-Immuntherapie.

Design

An der internationalen Multizenterstudie nahmen 83 Patientinnen und Patienten mit Neuromyelitis optica teil. Sie wurden zufällig in eine von zwei Gruppen eingeteilt: Die 41 Probanden (Durnchschnittsalter 41 Jahre) in der ersten Gruppe erhielten den humanisierten monoklonalen Antikörper Satralizumab (subkutan 120 mg, dreimal alle zwei Wochen und dann in Abständen von vier Wochen), die übrigen 42 Patienten (Durchschnittsalter 42 Jahre) ein Placebo;  alle Patienten bekamen eine Basis-Immuntherapie (orale Steroide, Azathioprin,  Mycophenolat mofetil), die die Funktion des Immunsystems hemmt, jedoch allein nicht ausreichend war, die Neuromyelitis optica zu unterdrücken. Die mediane Dauer der Therapie mit dem Antikörper betrug in der Doppel-Blind-Phase 107,4 Wochen.

Hauptergebnisse

  • Einen Rückfall erlitten in der Satralizumab-Gruppe acht Patienten (20 Prozent), in der Placebo-Gruppe 18 Patienten (43 Prozent). Die relative Risikoreduktion betrug 62 Prozent (Hazard Ratio 0,38; 95% CI 0,16 - 0,88). 
  • Satralizumab wirkte erwartungsgemäß besonders stark bei Patienten, bei denen Aquaporin-4-Antikörper nachweisbar waren. In dieser Gruppe (n = 55) betrug die Reduktion des Rückfall-Risikos sogar 79 Prozent (11% versus 43%; Hazard Ratio 0,21; 95% CI 0,06 - 0, 5).
  • Von den 28 AQP4-IgG–seronegativen Patienten erlitten 36% (Satralizumab) und 43% (Placebo) einen Rückfall; die relative Risikoreduktion betrug 34 Prozent (Hazard Ratio 0,66; 95% CI 0,20 - 2,24). 
  • Keine signifikanten Unterschiede zwischen den Therapie-Gruppen gab es bei den sekundären Endpunkten Schmerz und Müdigkeit (beurteilt anhand VAS pain score und FACIT-F score). 
  • Ernsthafte Nebenwirkungen (17 versus 21 Prozent) und ernsthafte Infektionen (5% versus 7%)waren in beiden Gruppen ähnlich häufig. Todesfälle gab es keine.

Klinische Bedeutung

„Die Ergebnisse sind ein Durchbruch für die Behandlung der Neuromyelitis optica“, sagt der andere Studie beteiligte Neurologe Prof. Dr. Ingo Kleiter (RUB und  Marianne-Strauß-Klinik in Berg). „Erstmals konnte in einer randomisierten kontrollierten Studie gezeigt werden, dass die spezifische Hemmung eines Botenstoffs im Immunsystem, des Interleukin-6-Rezeptors, den Erkrankungsprozess stoppen kann.“  Satralizumab ist derzeit außerhalb von Studien noch nicht als Medikament erhältlich, der Abschluss des Zulassungsverfahrens wird für das Jahr 2020 erwartet. Von der FDA hat der Antikörper die so genannte „Breakthrough Designation“ und den Status als Orphan Drug erhalten.

Finanzierung: Chugai Pharmaceutica (Roche)