Neurologische Symptome bei COVID-19-Patienten: Daten aus Frankreich

  • New England Journal of Medicine

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Patienten mit COVID-19 und ARDS können Enzephalopathie-Symptome zeigen. Ob das neue Corona-Virus das ZNS oder das periphere Nervensystem befällt, ist allerdings noch unklar.

Hintergrund

Neurologische Symptome unterschiedlicher Art und Schwere werden bei Patienten mit Virus-Erkrankungen nicht selten beobachtet. Auch bei Patienten mit den Corona-Virus-Infektionen SARS und MERS wurde neurologische Symptome festgestellt. Mehrere Ärzteteams haben inzwischen über neurologische Symptome auch im Zusammenhang mit COVID-19 berichtet. So haben zum Beispiel chinesische Ärzte vor wenigen Tagen im Fachmagazin „JAMA Neurology mitgeteilt, dass sie bei rund 36 Prozent von 214 COVID-19-Patienten neurologische Symptome und auch Schlaganfälle festgestellt haben, bei Schwerkranken habe der Anteil sogar etwa 45 Prozent betragen. Nun berichten auch Ärzte aus Straßburg über neurologische Symptome bei ihren infizierten Patienten. 

Design

Rein deskriptive Studie mit 58 Patienten, die zwischen dem 3. März und 3. April wegen eines ARDS durch COVID-19 im Krankenhaus behandelt wurden. Das mediane Alter der Patienten betrug 63 Jahre, ihr SAP-Score (Simplified Acute Physiology Score II) 52 (Skala 0 bis 163, je höher, desto schwerer die Erkrankung). Von sieben Patienten waren neurologische Erkrankungen wie transischämische Attacken in der Vorgeschichte, epileptische  Anfälle und leichte kognitive Störungen bekannt. 

Hauptergebnisse

  • 40 Patienten (69%) waren agitiert, wenn die neuromuskuläre Blockade unterbrochen wurde. 
  • 26 von 40 Patienten waren verwirrt (beurteilt anhand der CAM: „Confusion Assessment Method“).
  • 39 Patienten (67%) hatten kortikospinale Symptome wie pathologische Sehnenreflexe und Klonus (Fuß). 
  • Von 45 aus dem Krankenhaus entlassenen Patienten hatte ein Drittel ein sogenanntes dysexekutives Syndrom mit Aufmerksamkeits- und Orientierungsstörungen.
  • Bei zwei von 13 Patienten zeigte ein MRT Hinweise auf einen akuten Schlaganfall, bei acht Patienten erweiterte Subarachnoidalräume; bei 11 von insgesamt 11 Patienten wurde eine frontotemporale Minderperfusion festgestellt.
  • EEG-Untersuchungen bei acht Patienten zeigten keine spezifischen Befunde. Bei einem Patienten gab es Zeichen einer Enzephalopathie.
  • Liquor- Analysen (n = 7) ergaben keine Zellen, bei zwei Patienten wurden oligoklonale Banden mit einem ähnlichen Elektrophorese-Muster wie im Serum festgestellt; bei einem Patienten war der IgG-Spiegel erhöht. Bei allen Patienten war der RT-PCR-Test auf das neue Corona-Virus negativ.

Klinische Bedeutung

Die Befunde der Ärzte aus Straßburg bestätigen, dass auch COVID-19 mit neurologischen Symptomen einhergehen kann, was allerdings nicht so überraschend ist. Interessant ist, dass auch bei diesen Patienten Schlaganfälle beobachtet wurden. Ob diese eine direkte Infektionsfolge gewesen sind oder durch Begleiterkrankungen begünstigt worden sind, sollte weiter untersucht werden.

Die Frage, ob das neue Corona-Virus neuroinvasiv ist, bleibt weiterhin unklar. Beim SARS-Corona-Virus gab es Hinweise darauf, dass dieses Virus das Gehirn infiltrieren und zum Absterben von Neuronen führen kann. Angesichts der Ähnlichkeit zwischen SARS und COVID-19 sollte daher nicht ausgeschlossen werden, dass auch das neue Corona-Virus zerebrale oder spinale Neuronen befallen könnte, so kürzlich die Autoren eines Beitrages im „Journal of Medical Virology“. Und da es Hinweise darauf gebe, dass manche Corona-Viren bis in das kardiorespiratorische Zentrum im Hirnstamm gelangen könnten, bestehe die Möglichkeit, dass dieser zerebrale Befall in manchen Fällen mit zu einer respiratorischen Insuffizienz beitragen könne.

 

Finanzierung: keine Angaben.