Neuroborreliose: Die neue S3-Leitlinie ist veröffentlicht


  • Nicola Siegmund Schultze
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

  • Der klinische Verdacht einer Borreliose-Infektion kann aufgrund von Symptomen wie Erythema migrans erfolgen, bei 25–50% der akuten Neuroborreliosefälle (frühe, disseminierte Erkrankung) ist dieses Hautsymptom zuvor aufgetreten, heißt es in den neuen S3-Leitlinien Neuroborreliose (1).

  • Die Verdachtsdiagnose „Neuroborreliose“ (Hirnnervenausfälle, Meningitis/Meningoradikulitis oder Enzephalomyelitis) lässt sich durch den Nachweis entzündlicher Liquorveränderungen in Verbindung mit einer borrelienspezifischen intrathekalen Antikörperbildung bestätigen

  • Die serologische Diagnostik soll nur bei ausreichendem klinischem Verdacht angefordert werden

  • Die Antibiotikabehandlung der frühen und späten Neuroborreliose soll mit Doxycyclin, Ceftriaxon, Cefotaxim oder Penizillin G erfolgen, und zwar über einen Zeitraum von 14 Tagen bei der frühen, und für 14–21 Tage bei der späten Neuroborreliose.

  • Der Therapieerfolg soll anhand der klinischen Symptomatik beurteilt werden.

Hintergrund

Die Lyme-Borreliose ist die häufigste durch Zecken übertragene Infektionskrankheit in Europa. Bei bis zu 15 % der Infizierten kommt es zu neurologischen Manifestationen wie Polyradikulitis, Meningitis und – seltener – Enzephalomyelitis. Die Erkrankung ist mit Antibiotika therapierbar.

Design

Die bisher gültige S1-Leitlinie wurde nach den methodischen Vorgaben der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) zu einer S3-Leitlinie weiterentwickelt. Beteiligt waren 20 AWMF-Mitgliedsgesellschaften, das Robert Koch-Institut, die Deutsche Borreliose-Gesellschaft und 3 Patientenorganisationen. Die systematische Literaturrecherche und -bewertung erfolgte am Deutschen Cochrane Zentrum Freiburg.

Hauptergebnisse

  • Für die antibiotische Therapie der Neuroborreliose Erwachsener heißt es: Es gibt keine wissenschaftliche Grundlage, von den empfohlenen Therapiedauern von 14 Tagen bei früher, und von 14–21 Tagen bei später Neuroborreliose im Regelfall abzuweichen.

  • Doxycyclin ist bei der frühen Neuroborreliose so effektiv in der Rückbildung neurologischer Symptome wie die Beta-Laktame Penicillin G, Ceftriaxon und Cefotaxim, und vergleichbar verträglich.

  • Zur Wirksamkeit von Antibiotika-Kombinationsbehandlungen gibt es keine validen Studiendaten und zur Wirksamkeit von Chloroquin, Carbapenemen und Metronidazol überhaupt keine Sudiendaten.

  • Die in vielen Studien berichteten deutlichen Prävalenzen von persistierenden unspezifischen bzw. untypischen Symptomen nach Neuroborreliose sind zum erheblichen Teil auf Studienartefakte infolge unscharfer Falldefinitionen zurückzuführen.

  • Die Leitlinie ist bis zum 12.04.2021 gültig.

Klinische Bedeutung

Die Lyme-Borreliose ist eine in Deutschland verbreitete Infektionskrankheit. Sie ist eine Multiorganerkrankung, die in seltenen Fällen schwere Gesundheitsschäden verursacht und fachgerechter Diagnostik und Therapie bedarf. Die Inzidenz in Deutschland wird auf 60.000 bis > 200.000/Jahr geschätzt. Die neue S3-Leitlinie richtet sich an Ärzte in Praxis und Klinik, die mit der Behandlung der Neuroborreliose bei Kindern und Erwachsenen befasst sind. Die Leitlinie nimmt auch Stellung zum diagnostischen und therapeutischen Vorgehen bei persistierenden Beschwerden, bei denen ein kausaler Zusammenhang mit einer Neuroborreliose vermutet wird, ohne dass ein latent infektiöser Prozess durch Borrelia burgdorferi nach allgemein akzeptierten Kriterien nachgewiesen werden könnte. Die „chronische Lyme-Borreliose“ oder „chronische Neuroborreliose“ war Thema von Sondervoten. Ein Gericht in Berlin hatte entschieden, dass die Deutsche Gesellschaft für Neurologie den Antrag, Sondervoten in die Leitlinie aufzunehmen, ablehnen durfte. Erst nach dieser Gerichtsentscheidung wurde der Weg für die Publikation der Leitlinie frei.  

Finanzierung: Finanzierung und Interessenkonflikte werden im Leitlinienreport ausgewiesen (2).