Neuer Test erleichtert Differentialdiagnose bei Polydipsie und Polyurie


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Wissenschaftler der Leipziger Universitätsmedizin haben zusammen mit Kollegen der Universitäten Basel und Würzburg ein neues Diagnoseverfahren entwickelt, das zuverlässig eine Differentialdiagnose bei Polydipsie und Polyurie ermöglicht. Das Verfahren ist einfacher und zuverlässiger als der indirekte Durst-Versuch.

Hintergrund

Aus circa 180 Litern, die in den Nieren täglich gefiltert werden, gelangen nur zwei bis drei Liter konzentriert in die Harnblase - der Rest bleibt dem Körper erhalten. Möglich machen das verschiedene Hormone, unter anderem das Antidiuretische Hormon (Arginin Vasopressin Peptid, AVP), das im Hypothalamus gebildet und von der Hypophyse ins Blut ausgeschüttet wird. Es sorgt in der Niere dafür, dass der Körper so wenig Wasser wie möglich verliert. Dieses Zusammenspiel gerät bei zu hohen Trinkmengen jedoch aus dem Takt: Wer konstant Flüssigkeit im Übermaß konsumiert, beeinträchtigt die Harnbildungsfunktion der Nieren - sie können die Flüssigkeitsmengen nicht mehr zurückhalten. Genau das ist bei Patienten mit Polyurie und Polydipsie der Fall. Viele leiden auch an Diabetes insipidus. Diese Krankheit vereint beide Symptome. „Die Patienten haben einen Flüssigkeitsumsatz von bis zu 20 Litern am Tag. Sie sind in ihrem Alltag sehr eingeschränkt, können das Haus ohne reichlich Wasservorrat kaum verlassen. Besonders gefährlich wird es nach einem Unfall, wenn den Ärzten die Diagnose nicht bekannt ist. Dann geraten die Betroffenen schnell in ein Flüssigkeitsdefizit und entwickeln neurologische Komplikationen, an denen sie auch versterben können. Diese Komplikationen erleben wir in Unkenntnis tatsächlich nicht so selten", sagt die Endokrinologin Dr. Wiebke Fenske (Universität Leipzig).

Polyurie und Polydipsie können verschiedene Ursachen haben: Häufig leiden Patienten an einem angeborenen oder erworbenen Hormonmangel, oder die Nieren sprechen auf das Hormon nur ungenügend an. Krankhaft gesteigertes Durstempfinden kann man sich auch antrainieren: Die häufigste Ursache sei tatsächlich das fehlerlernte Trinkverhalten, so die Endokrinologin Fenske. Wobei dies auch psychische Ursachen haben oder medikamentös bedingt sein kann. Bei der Diagnose der Krankheit ist es wichtig, das primäre Krankheitsbild zu identifizieren: Trinkt der Patient viel, weil er zu viel Urin ausscheidet und so einem Flüssigkeitsdefizit vorbeugt? Oder trinkt er zu viel, weil sein Durstempfinden gestört ist?

Bislang wird die Krankheit durch einen indirekten Durst-Versuch diagnostiziert. Der Test ist für die Patienten quälend, da sie einen Tag lang gar nichts trinken dürfen. Dieser Test erlaubt zudem oftmals nur wenig Rückschlüsse auf die Ursache des gestörten Flüssigkeitshaushalts. Das von Wiebke Fenske und ihren Kollegen erarbeitete Diagnoseverfahren bietet erstmals genau das: Die Ergebnisse des Tests zeigen, ob das Hormon AVP (Arginin Vasopressin Peptid) im Gehirn nicht mehr ausreichend gebildet wird, in der Niere nicht mehr angemessen wirkt oder ob eine Störung des Durstempfindens den Beschwerden zugrunde liegt. 

Design

An der Studie nahmen primär 156 Patienten mit hypotoner Polyurie an elf Kliniken teil. Verglichen wurden  der herkömmliche Durstversuch mit dem neuen diagnostischen Verfahren. Dieses besteht aus einer zweistündige Infusion mit einer hypertonen Salzlösung; anschliessend wird im Blut der Patienten die Konzentration des Biomarkers Copeptin gemessen, welches den Gehalt des Hormons Vasopressin (AVP) im Blut widerspiegelt. Ausgewertet wurden die Ergebnisse von 141 Patienten. 

Hauptergebnisse

  • Die definitive Diagnose lautete bei 82 Patienten (57%) primäre Polydipsie, bei 59 (41%), zentraler Diabetes insipidus und bei drei Patienten nephrogener Diabetes insipidus (zwei Prozent).
  • Mit dem indirekten Durst-Versuch wurde bei 108 Patienten die korrekte Diagnose gestellt. Die diagnostische Treffsicherheit betrug 76,6 Prozent (95% CI: 68,9 bis 83,2).
  • Mit dem Copeptin-Test gelang es, bei 136 Patienten eine korrekte Diagnose zu stellen. Die diagnostische Treffsicherheit betrug 96,5 Prozent (95% CI: 92,1 bis 98,6; P
  • Bei 12 Patienten stieg beim Copeptin-Test allerdings der Natrium-Spiegel von 140 auf 155 mmol/l, beim Durstversuch war dies bei nur zwei Patienten der Fall.

Klinische Bedeutung

Ein Patient mit Diabetes inipidus muss mit dem Hormon Vasopressin behandelt werden, während Patienten mit der primären Polydipsie verhaltenstherapeutisch begleitet werden - mit dem Ziel, die Trinkmenge zu reduzieren. Eine falsche Therapie kann lebensbedrohliche Folgen haben. Mit dem neuen Test „können wir die Patienten nun zielgerichtet therapieren und umgehen mögliche krankheitsbedingte Wechselwirkungen mit dem Testverfahren und Komplikationen durch Fehlbehandlung", erklärt Fenske. Zudem ist das Verfahren laut einer Mitteilung der Universität Leipzig kostengünstiger, schneller und wird von den Patienten eher akzeptiert.

Finanzierung: Swiss National Foundation und Universitsklinik Basel, Bundesforschungsministerium, Deutsche Forschungsgemeinschaft, Thermo Fisher Scientific