Neuer Bluttest weckt Hoffnungen auf eine frühe Alzheimer-Diagnose


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaft

Der zeitliche Verlauf der Konzentration eines speziellen Peptides (NfL: Neurofilament light chain) im Blut ermöglicht bei Patienten mit familiärer Alzheimer-Erkrankung die Diagnose viele Jahre vor dem Auftreten klinischer Symptome. Eine pharmakotherapeutische Konsequenz hat dieser Forschungsbefund derzeit allerdings nicht.

Hintergrund

Es ist bekannt, dass die Alzheimer-Erkrankung viele Jahre asymptomatisch sein kann. Wird aufgrund klinischer Symptome die Diagnose gestellt, sind die Chancen, den weiteren Verlauf der Erkrankung zu bremsen oder gar zu stoppen, sehr gering. Die Hoffnungen ruhen daher auf einer frühen Therapie. Voraussetzung dafür ist allerdings eine frühe Diagnostik. Die Methode dafür sollte nicht nur treffsicher sein, sondern auch einfach, alltagstauglich, für die Patienten wenig belastend und zudem kostengünstig. Da ein Bluttest diese Anforderungen erfüllen könnte, arbeiten mehrere Forscherteams an der Entwicklung eines solchen Tests. In jüngster Zeit wurden dabei einige Fortschritte erzielt. Die meisten dieser Verfahren beruhen auf dem Nachweis von Amyloid-Proteinen. Die Autoren der aktuellen Studie verfolgen einen anderen Ansatz. Ihr Bluttest misst nicht das Beta-Amyloid, sondern ein kleines Stückchen eines sogenannten Neurofilaments (NfL), das im Gegensatz zu anderen Überresten abgestorbener Nervenzellen deutlich länger im Blut nachweisbar ist. Es eignet sich daher besser als Biomarker.  

Design

Für ihre Studie wählten die Wissenschaftler Personen mit einem familiär erhöhten Risiko für die Alzheimer-Erkrankung aus – und zwar Personen mit einem 50-prozentigen Risiko für eine autosomal-dominante Mutation in einem der drei Gene, die mit der Erkrankung in Verbindung stehen (APP, PSEN1, PSEN2). Bestimmt wurde der absolute Wert der NfL-Konzentration im Liquor (n = 187) und im Blut (n = 405) sowie der zeitliche intraindividuelle Verlauf (n = 196). Darüber hinaus wurden die Studienteilnehmer mit MRT und PET untersucht.

Hauptergebnisse

NfL-Werte im Liquor und Serum korrelieren miteinander und sind bei Personen mit familiärer Alzheimer-Erkrankung bereits vor Auftreten von Symptomen erhöht. 

Die Bestimmung der intraindividuellen NfL-Werte im zeitlichen Verlauf bestätigt zum einen dieses Resultat und ermöglicht zum anderen eine sehr frühe Differenzierung zwischen Personen mit einer Mutation in den drei Genen und Nicht-Mutations-Trägern: Im Vergleich zu absoluten Blutwerten ermöglicht die Bestimmung der NfL-Dynamik bereits zehn Jahre früher (16,2 Jahre vor dem geschätzten Symptombeginn versus 6,8 Jahre) eine Differenzierung.

Am ausgeprägtesten war die NfL-Dynamik unmittelbar beim Übergang vom präsymptomatischen zum symptomatischen Stadium. Sie korrelierte zudem mit dem MRT-Befund einer kortikalen Verdünnung, aber weniger mit Amyloid-Ablagerungen und dem zerebralen Glukosestoffwechsel (PET). 

Klinische Bedeutung

Die Ergebnisse der Studie sprechen dafür, dass für die Diagnose der Alzheimer-Erkrankung im präsymptomatischen Stadium die NfL-Dynamik im Blut aussagekräftiger ist als die absolute NfL-Konzentration im Blut. Liegen bereits Symptome vor, ist die absolute Blut-Konzentration des Peptids der bessere Biomarker. 

Ob dieser Test auf die NfL-Dynamik für die Frühdiagnose der Alzheimer-Erkrankung im klinischen Alltag und bei einer größeren Population von Alzheimer-Kranken einschließlich Patienten mit der sporadischen Form geeignet ist, muss noch in weiteren Studien geklärt werden. Eine wichtige Frage ist unter anderen die, in welchem Zusammenhang die NfL-Dynamik mit den Tau-Aggregaten steht. Relevant könnte ein solcher Biomarker auch für klinische Therapiestudien werden, denn bislang gibt es noch immer keine wirklich überzeugend wirksame Arzneimitteltherapie für Patienten mit der neurodegenerativen Krankheit. 

Klinische Finanzierung: National Institute on Aging, Deutsches Zentrum für neurodegenerative Erkrankungen, National Institutes of Health- funded NINDS Center Core for Brain Imaging, National Science Foundation, National Institutes of Health, Swiss National Science Foundation, National Institute for Health Research UK und MRC Dementias Platform UK