Neue Leitlinie für Diagnostik und Therapie der Multiplen Sklerose

  • Deutsche Gesellschaft für Neurologie

  • von Andrea Hertlein
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) wurde jüngst die S2k-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie der Multiplen Sklerose (MS),Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen und MOG-IgG-assoziierten Erkrankungen aktualisiert und erweitert. Neben zahlreichen Fachgesellschaften und Berufsverbänden haben erstmals auch Patientenvertreter daran mit­ge­arbeitet. 

Leitlinie hat „beratenden Charakter“

Durch die intensive MS-Forschung in den letzten Jahren gibt es neue Erkenntnisse zur Diagnostik und zahlreiche neue Therapieoptionen, so dass eine Aktualisierung der Leitlinie von 2012 erforderlich wurde, heißt es in einer Mitteilung der DGN. So können etwa durch neue, innovative Medikamente die Schubfrequenz und die messbare Krankheitsaktivität erfolgreich gesenkt werden. „Die heute verfügbaren Optionen erlauben daher eine individuelle, nach Verlauf, Krankheitsaktivität und persönlichem Risikoprofil adaptierte Therapie“, erläutert Bernhard Hemmer, München, federführender Autor und Leitlinienkoordinator. Hemmer betont dabei den beratenden Charakter der neuen Leitlinie, „ohne der ärztlichen Therapiefreiheit zu enge Grenzen zu setzen.“

Neuerungen betreffen die MS-Diagnostik, welche durch die Revision der McDonald-Diagnosekriterien 2017 vereinfacht wurde (Liquoruntersuchung sowie MRT-Untersuchung mit definierten Sequenzen; erweiterte Labordiagnostik nur bei entsprechendem klinischem Verdacht). Darüber hinaus wurden der MS verwandte Erkrankungen wie die Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen (NMOSD) und die MOG-IgG-assoziierten Erkrankungen als eigenständige Krankheitsentitäten erstmals in die Leitlinie aufgenommen.

Neue Einteilung der „disease modifying therapies“

Anstelle des bisherigen Behandlungs-Stufenschemas werden die verlaufsmodifizierenden MS-Medikamente (DMT/„disease modifying therapies“) in der überarbeiteten Fassung in drei Wirksamkeitskategorien eingeteilt, wobei eine höhere Kategorie eine stärkere Wirksamkeit bedeutet. Die Eingruppierung erfolgte anhand der Schubratenreduktion aus den Zulassungsstudien. Zur Wirksamkeitskategorie 1 gehören Betainterferone, Dimethylfumarat, Glatirameroide und Teriflunomid, zur Kategorie 2 Cladribin, Fingolimod sowie Ozanimod und zur Kategorie 3 Alemtuzumab, CD20-Antikörper (Ocrelizumab, off label Rituximab) und Natalizumab. Mit zunehmender Wirksamkeit nehmen allerdings auch die seltenen unerwünschten schweren Arzneimittelwirkungen zu, so die Leitlinienautoren.

Neu ist auch, dass die immuntherapeutische Behandlung der Erkrankungsaktivität zugeordnet wird. Zudem werden definierte Einstiegs-, Wechsel- und auch Ausstiegsszenarien vorgestellt, und es wird auf spezielle Situationen eingegangen (z. B. Schwangerschaft und Stillzeit sowie MS bei Älteren und Kindern/Jugendlichen).

Neue Substanzen in der täglichen Praxis
Die Leitlinie benennt explizit Medikamenten-Neuzulassungen. Dazu gehören drei Sphingosin-1-Phosphat-(S1P-)Rezeptormodulatoren: Fingolimod (auf dem Markt seit 12/2018) ist jetzt auch für Jugendliche und Kinder ab zehn Jahren mit hochaktiver, schubförmige MS zugelassen. Bei aktiver, sekundär progredienter MS (SPMS; Nachweis durch Schübe und MRT) steht nun Siponimod (seit 1/2020) zur Verfügung und schließlich Ozanimod (seit 5/2020) zur Behandlung bei aktiver schubförmig-remittierender MS (RRMS).

Eine weitere Neuerung betrifft Ocrelizumab, ein humanisierter monoklonaler Antikörper gegen CD20 (ein Antigen der B-Lymphozyten). Ocrelizumab ist als erste Therapie der frühen PPMS (primär progrediente MS) zugelassen (2/2018). Für schubförmige Erkrankungen des Neuromyelitis-optica-Spektrums (NMOSD) mit positiven AQP4-Antikörpern wird der humanisierte monoklonale Antikörper Eculizumab empfohlen (verfügbar seit 8/2019).

„Diese neuen, handlungsorientierten Empfehlungen waren dringend notwendig, um die optimale Versorgung der MS-Patienten nach aktuellem Wissensstand zu gewährleisten“, kommentieren Prof. Steinmetz, Frankfurt, und Prof. Kastrup, Essen, die Vorsitzenden der Kommission Leitlinien der DGN Professor Steinmetz, Frankfurt und Professor Kastrup, Essen. Durch die schnelle Entwicklung der neurologischen Forschung und Implementierung der Studienergebnisse in die tägliche Routine könne ein Verlust an Lebensqualität der Betroffenen zunehmend besser aufgehalten oder sogar verhindert werden.