Neue Leitlinie belegt Paradigmenwechsel in der Adipositas-Therapie bei Kindern und Jugendlichen

  • Deutsche Gesellschaft für Kinder-und Jugendmedizin

  • von Andrea Hertlein
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaft

Die Entwicklung einer Adipositas liegt nicht primär an den Kindern oder deren Familien, sondern im wesentlichen an den heutigen adipogenen Lebensbedingungen, die der Einzelne nur sehr begrenzt beeinflussen kann. Dies geht aus den wissenschaftlichen Studien zur neu vorgelegten S3-Leitlinie „Therapie und Prävention der Adipositas im Kindes- und Jugendalter“ hervor. Danach sind für eine Prävention der Adipositas vor allem verhältnispräventive Maßnahmen nötig, die durch Gesellschaft und Politik initiiert werden müssen.

Schulung für Grundschulkinder zeigt messbare Erfolge

Erfolgversprechend ist die Anleitung von übergewichtigen Kindern und Jugendlichen mit dem Ziel, deren persönlichen Lebensstil in einer multimodalen Adipositas-Therapie zu ändern – dazu gehören die Kombination von Bewegungs-, Ernährungs- und Verhaltenstherapie –, kommentiert die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ). Insbesondere die spezielle Schulung von Kindern im Grundschulalter und vor allem ihrer Familien zeige messbar positive Effekte. Dennoch heißt es in der Einleitung zu der jetzt vorgelegten, fast 80seitigen Leitlinie eher ernüchternd, dass die „erreichten Therapieeffekte eher gering“ seien und „oft nicht den Erwartungen der Betroffenen“ entsprächen.

Ambulant vor stationär

„Wir wissen, dass Kinder und Jugendliche gerade von ambulanten Angeboten gut und nachhaltig profitieren können“, sagt PD Susanna Wiegand, Vizepräsidentin der Deutschen Adipositas Gesellschaft. Daher gelte für die Adipositas-Therapie ganz klar die Empfehlung „ambulant vor stationär“. Zugleich aber gebe es zu wenig Plätze für diese Konzepte, nach denen das Kind inmitten von Familie, Schule und Freundeskreis betreut werde.

Den Grund sehen Experten in der nur zögerlichen Unterstützung ambulanter Angebote seitens der Krankenkassen. Die Leitlinie betont jedoch, dass allen Betroffenen der Zugang zu einem Schulungsprogramm ermöglicht werden sollte. Dies gelte auch für den ländlichen Bereich, in dem die Adipositasprävalenz höher liege als in der Stadt. Hingegen werden laut Prof. Martin Wabitsch, einer der federführenden Autoren der neuen Leitlinie, neue Therapiekonzepte für Jugendliche mit extremer Adipositas benötigt. Bei dieser Gruppe liege die Erfolgsrate deutlich niedriger als bei jüngeren Kindern.

Gesellschaftliche Veränderungen notwendig

DGKJ-Präsidentin Prof. Ingeborg Krägeloh-Mann sieht in der neuen Leitlinie ein starkes Argument für die Tragweite der Betreuung von an Adipositas erkrankten Kindern: „Die umfangreiche Cochrane-Analyse und das Konsensverfahren gibt Entscheidungsträgern jetzt fundierte wissenschaftsbasierte Empfehlungen an die Hand.“ Hinzu komme, dass gerade bei der hier betroffenen sehr jungen Patientengruppe Entscheidungen einen nachhaltigen Einfluss auf die Lebensgesundheit haben können.

Die evidenzbasierte S3-Leitlinie wurde von 40 Experten aus 16 medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaften, Berufsverbänden und weiteren Organisationen erarbeitet. Federführend waren die Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA) der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG) und die Deutsche Gesellschaft für Kinder-und Jugendmedizin (DGKJ).