Neue Forschungsbefunde zeigen, wie notwendig die Masernimpfung ist

  • Science/Science Immunology

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Masern sind noch gefährlicher als angenommen. Neuen Forschungsbefunden zufolge können die Viren einen Teil des immunologischen Gedächtnisses löschen und so infizierte Personen viele Jahre für Infektionserreger anfällig machen. Herausgefunden haben dies Wissenschaftler mehrerer Länder einschließlich Deutschland.

Masern nehmen weltweit weiterhin zu

Masern sollten längst ausgerottet sein – stattdessen nehmen sie wieder zu. In den ersten sechs Monaten 2019 wurden weltweit fast dreimal mehr Fälle gemeldet als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (European Centre for Disease Prevention and Control, ECDC) spricht von einem Wiederaufleben der Masern in der Europäischen Union bzw. im Europäischen Wirtschaftsraum (EEA). Verantwortlich hierfür seien vor allem fünf Länder, darunter Deutschland, in denen Übertragungen noch endemisch - also innerhalb der Bevölkerung -stattfänden, so das Paul-Ehrlich-Institut in einer Mitteilung. 

Häufiger weitere Infektionen

Schon lange ist bekannt, dass die Maserninfektion nicht nur selbst durchaus schwer und sogar tödlich verlaufen kann, sondern zusätzlich das Masernvirus das Immunsystem des Erkrankten gegenüber anderen Krankheitserregern schwächt. So kommt es bei einer Maserninfektion häufiger auch zu weiteren Infektionen wie beispielsweise bakteriell bedingten Lungen- oder Mittelohrentzündungen.

Ein Großteil schützender Antikörper verschwindet

Laut Dr. Michael Mina (Harvard Medical School u.a.), Erstautor einer von zwei aktuellen Studien, beseitigten Masernviren in seinen Untersuchungen bis zu 73 Prozent der verschiedenen Antikörper, die eine Person vor Viren- und Bakterienstämmen schützen und Hautinfektionen. „Die Bedrohung der Menschen durch Masern ist viel größer, als wir uns bisher vorgestellt haben",  so der leitende Autor Professor Stephen Elledge (Harvard Medical School und Brigham and Women's Hospital). Und: Der Masern-Impfstoff habe einen noch größeren Nutzen als bisher angenommen.

Die aktuellen Befunde sind laut Mina „der bislang beste Beweis dafür, dass eine Immunamnesie vorliegt und sich auf unser gutes Langzeitimmun-Gedächtnis auswirkt". Der US-Forscher hatte bereits vor vier Jahren mit einer ebenfalls in „Science“ publizierten Studie für Aufsehen gesorgt: Zusammen mit seinen Kollegen hatte Mina Daten zur Kindersterblichkeit vor und nach der Einführung der Masernimpfung in England, Wales, Dänemark und den USA ausgewertet und zeigen können, dass eine Masern-Infektion das Immunsystem bis zu drei Jahre lang schwächen kann – und so die Todesrate bei Kindern erhöht.

Mechanismen der Immunsuppression

Ein weiteres Team um Professorin Veronika von Messling (Paul-Ehrlich-Institut und Deutsches Zentrum für Infektionsforschung, Langen) hat gemeinsam mit Forschern aus Großbritannien und den Niederlanden untersucht, welche Mechanismen zu dieser Immunsuppression führen. 

Hierzu analysierten sie die Rezeptorvielfalt der Immunzellen und die Entwicklung einer wichtigen Gruppe von Immunzellen für das Immungedächtnis, den B-Gedächtniszellen, bei ungeimpften Personen mit und ohne vorangegangene Maserninfektion sowie bei gegen Masern geimpften Personen. Während die genetische Zusammensetzung und Vielfalt der B-Gedächtniszellen bei Personen ohne Maserninfektion und bei geimpften Personen stabil war, fand sich bei Personen nach Maserninfektionen eine signifikante Zunahme der Mutationsfrequenz in diesen Zellen sowie ein verändertes Isotypen(Variations)-Profil. Bei etwa zehn Prozent der mit Masern infizierten Personen in der Untersuchung war die Vielfalt der Immunzellen sogar sehr stark beeinträchtigt. Zudem fand sich eine Verschiebung hin zu immunologisch unreifen B-Zellen, was auf eine beeinträchtigte B-Zellreifung im Knochenmark hinweist.

Auch diese Ergebnisse bestätigen, dass das Immunsystem nach einer Maserninfektion quasi vergisst, mit welchen Erregern es zuvor in Kontakt gekommen war.