Neue ESC-Leitlinien: „Zum ersten Mal sprechen wir überhaupt über Sport für Herzinsuffizienz-Patienten“

  • Kongress der European Society of Cardiology 2020

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Konferenzberichte by Medscape
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Kernbotschaften

Erstmals hat die European Society of Cardiology (ESC) umfangreiche Leitlinien zu Bewegung und sportlichem Training für Patienten mit unterschiedlichen kardiovaskulären Erkrankungen verfasst. Sportkardiologen haben die Empfehlungen auf der Jahrestagung des ESC präsentiert. Gleichzeitig wurden die Leitlinien im „European Heart Journal“ sowie auf der ESC-Webseite veröffentlicht

„Übergewicht und Bewegungsarmut greifen immer weiter um sich – daher ist das Fördern von Bewegung wichtiger als je zuvor“, sagte Prof. Dr. Antonio Pelliccia, Leiter der Kardiologie am Institut für Sportmedizin und Wissenschaft beim Nationalen Olympischen Komitee Italiens in Rom. Pelliccia ist Vorsitzender der Arbeitsgruppe für die neuen Leitlinien, in der auch der Münchner Sportkardiologe Prof. Dr. Martin Halle, Leiter des Zentrums für Prävention und Sportmedizin an der TU München mitgearbeitet hat.

„Regelmäßige Bewegung beugt nicht nur Herzerkrankungen vor, sondern mindert auch das Risiko eines verfrühten Todes bei Menschen, die bereits herzkrank sind“, ergänzte Pelliccia. Daher empfehlen die Sportkardiologen moderate sportliche Betätigung „für alle Menschen mit kardiovaskulären Erkrankungen“.

Vor intensivem Training sollte eine entsprechende Risikostratifizierung sowie eine optimale Behandlung aller Risikofaktoren stehen, betont die Expertengruppe. Ein Trainingsplan sollte in Absprache mit dem Arzt erstellt und als Teil der medizinischen Unterlagen dokumentiert werden, so die Vorgabe.

Sport als Teil der Behandlung

„Mittlerweile ist akzeptiert, dass sich regelmäßige Bewegung und Sport als eine Art der Behandlung bei mehreren kardiovaskulären Erkrankungen positiv auswirken“, sagte Pelliccia in seinem Vortrag zur Präsentation der Leitlinien. Kardiologen sollten nun anhand des Leitfadens mit ihren Patienten gemeinsam überlegen können, welcher Sport in welcher Intensität angeraten sei.

Klinische Evidenz zu den Auswirkungen von Sport bei Patienten mit Herzerkrankungen sei immer noch rar, sagte Halle, der ebenfalls Teil des 3-köpfigen Expertenteams bei der Präsentation der Leitlinien in einer Live-Session war. Häufig habe die Arbeitsgruppe daher Schlüsse aufgrund von persönlichen Erfahrungen ziehen müssen.

Empfehlungen zu Breiten- und Leistungssport

In der 80-seitigen Leitlinie, inklusive einer zusammenfassenden „Was ist zu tun?“-und-„Was ist zu lassen?“-Tabelle am Ende des Dokuments, finden sich Empfehlungen zur Ausübung von Breitensport für Menschen mit unterschiedlichen Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Erkrankungen, die das Herz-Kreislauf-Risiko erhöhen, etwa Übergewicht oder Typ-2-Diabetes.

Zudem gibt es Hinweise für Leistungssportler mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen bzw. erhöhtem Risiko dafür sowie für Schwangere und zu Sport in extremen Verhältnissen wie in großer Höhe, in der Tiefsee oder bei hohen Temperaturen.

Grundsätzlich empfiehlt die Leitlinien-Kommission des ESC, dass Menschen mit Herzerkrankungen ebenso wie gesunde Menschen möglichst täglich Sport treiben, mindestens jedoch 150 Minuten in der Woche. Empfohlen wird ein Ausdauertraining mit mittlerer Intensität als Basis.

KHK: Erst zum Arzt, dann erst zum Sport

Grundsätzlich, so die Experten, können auch alle Menschen mit einer koronaren Herzerkrankung (KHK) Freizeit- sowie auch Wettkampfsport betreiben. „Menschen, die bereits seit langem an einer KHK leiden, sollten sich von ihrem Arzt untersuchen lassen, bevor sie ein sportliches Training beginnen“, empfahl Pelliccia. „Ziel dieser Untersuchung ist es, die Intensität der sportlichen Aktivität im Hinblick auf das Risiko eines akuten Ereignisses wie einen Herzinfarkt genau anzupassen.“

 

„Die Gefahr, dass sportliche Betätigung einen Herzinfarkt oder einen Herzstillstand verursacht, ist extrem gering“, sagte Prof. Dr. Sanjay Sharma, ebenfalls Vorsitzender der Leitlinien-Arbeitsgruppe und Professor für Sportkardiologie und genetisch bedingte Herzerkrankungen am St. George’s Hospital der Universität London, UK. Jedoch wies auch Sharma darauf hin, dass sich Menschen, die bislang inaktiv waren, und Patienten mit fortgeschrittener Herzerkrankung vor der Aufnahme einer sportlichen Tätigkeit vom Arzt durchchecken und beraten lassen sollten.

Zum Kardio-Check für Patienten mit diagnostizierter KHK gehöre unbedingt auch ein Belastungs-EKG, bei dem die Funktion des Herzens bei maximaler sportlicher Beanspruchung getestet werden müsse, betonten die Experten bei der Vorstellung der Leitlinien.

Sportempfehlung auch für Herzinsuffizienz-Patienten

Sogar Herzinsuffizienz-Patienten profitieren von sportlicher Betätigung. Für diese Gruppe sieht die Empfehlung der ESC ein individualisiertes mit dem Arzt eng abgestimmtes Trainingsprogramm vor. Vorher, so die Experten, sollten alle Risikofaktoren optimal kontrolliert und therapiert werden, inklusive einer eventuellen Device-Therapie mit Herzschrittmacher oder ICD.

„Eine Bewegungsintervention sollte nur bei klinisch stabilen Patienten erfolgen“, erklärte Co-Autor Prof. Dr. Massimo Francesco Piepoli, Guglielmo da Saliceto Hospital, Piacenza, Italien, der live aus Piacenza zugeschaltet war. Bei optimaler Therapie müssen bei diesen Patienten eine gründliche Untersuchung sowie ein Belastungs-EKG erfolgen, bevor ein Bewegungsprogramm mit geringer bis mittlerer Intensität initiiert werde.

„Zum ersten Mal sprechen wir überhaupt über Sport für Herzinsuffizienz-Patienten“, sage Pelliccia. In den Leitlinien ist detailliert aufgeführt wie bei den unterschiedlichen Untergruppierungen der Herzinsuffizienz genau vorgegangen werden muss.

„Wichtig ist, dass der Kardiologe seinen Patienten ganz genau untersuchen muss“, so. Liege keine Dekompensation vor, könne der Patient unter Umständen sogar Wettkampfsport betreiben. „Zunächst ist aber für diese Patienten wichtig, dass sie optimal therapiert werden. Das Sportprogramm kommt dann on top“, sagte Halle.

Bei Vorhofflimmern Kontaktsportarten meiden

Regelmäßiges, moderates Training kann Herzrhythmusstörungen, insbesondere Vorhofflimmern vorbeugen. Grundsätzlich profitieren auch Menschen mit dieser Rhythmusstörung von Sport und Bewegung. „Wir müssen bedenken, dass es sich bei Vorhofflimmern um eine systemische Erkrankung handelt, die auch durch Übergewicht, Bluthochdruck und Diabetes begünstigt wird“, sagte Halle. „Bewegung kann daher Gutes bewirken“, so seine Erfahrung.

Allerdings sollten Patienten mit Vorhofflimmern, die Gerinnungshemmer einnehmen, um ihr Schlaganfallrisiko zu senken, aufgrund des Blutungsrisikos von Kontaktsportarten wie Boxen, Judo, Karate, Ringen, American Football oder Eishockey absehen, so die Empfehlung des ESC. Ebenfalls müsse man im Hinterkopf behalten, dass sehr intensiver Sport auch Vorhofflimmern verursachen könne, so Halle.

Risikopatienten: Kraft- plus Ausdauertraining

Für diejenigen ohne Herzerkrankung, jedoch mit erhöhtem kardiovaskulärem Risiko aufgrund von Bluthochdruck, Übergewicht oder Diabetes, empfiehlt die Leitlinie ein moderates bis intensiveres Sportprogramm, um das Herz-Kreislauf-Risiko zu mindern: Krafttraining mindestens 3-mal in der Woche, beispielsweise mit leichten Gewichten, plus moderates bis intensives aerobes Ausdauertraining 5 bis 7 Mal pro Woche für mindestens eine halbe Stunde.

Besonders geeignet hierfür seien Laufen, Radfahren oder Schwimmen, so die Empfehlung der Sportkardiologen. Nach und nach könne ein solches Training intensiviert werden, hin zu 300 Minuten moderates oder 175 Minuten intensives Training, sage Halle. Hypertoniker, deren Blutdruck unzureichend kontrolliert ist, sollten jedoch von intensivem Training absehen, bis eine adäquate Blutdruckkontrolle erreicht sei.

Im Grunde, sagte Halle können Menschen bis ins hohe Alter und bis ans Lebensende Sport treiben. Für ältere Menschen empfiehlt der Sportkardiologe rund 150 Minuten Sport in der Woche mit mittlerer Intensität. Wichtig sei aber für diejenigen, die nicht an eine sportliche Belastung gewohnt seien das Training langsam zu steigern. „In rund 2 Monaten sollten die 30 Minuten pro Tag erreicht sein“, so seine Empfehlung.

Vorsicht sei bei allen Menschen, die Sport treiben, dann geboten, wenn die sportliche Betätigung Schmerzen oder Unwohlsein verursache, sagte Pelliccia. „Wenn man merkt, dass beim Training Herzrasen, ungewöhnliche Atemnot oder ein unangenehmes Gefühl in der Brust auftreten, sollte die sportliche Aktivität vermindert und ein Temin beim Arzt vereinbart werden.“ Bei Brustschmerzen, die länger als 15 Minuten andauern, soll der Notarzt gerufen werden.

Dieser Beitrag von Julia Rommelfanger ist im Original erschienen auf Medscape.de.