Neue Diabetes-Klassifikation: ein weiterer Schritt in Richtung Präzisionsmedizin

  • The Lancet Diabetes & Endocrinology

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Die herkömmliche Klassifizierung des Diabetes mellitus ist wohl überholt. Mit Hilfe einer neuen Diabetes-Klassifikation können Patienten mit Typ-2-Diabetes spezifischen Subtypen zugeordnet werden, die deutliche Stoffwechselveränderungen und unterschiedliche Risikomuster für die Entwicklung diabetesbedingter Komplikationen aufweisen. Die Unterscheidung der Subtypen könnte in Zukunft die Basis für eine gezielte Prävention und Therapie sein.

Hintergrund

Die herkömmliche Klassifizierung  - hauptsächlich in Typ-1- und Typ-2-Diabetes - wurde durch Studien aus Skandinavien in Frage gestellt. Durch so genannte Cluster-Analysen wurden mehrere phänotypische Subtypen erkannt. Ein Team deutscher und schwedischer Wissenschaftler hat nun solche Cluster bzw. Subtypen untersucht und ist zudem der Frage nachgegangen, ob sich diese hinsichtlich diabetes-spezifischer Komplikationen unterscheiden. Ein Ziel dieser Forschung ist, spezifische Präventions-Maßnahmen und Therapie-Strategien zu entwickeln.

Design

Basis der aktuellen Analyse ist die prospektive multizentrische deutsche Diabetes-Studie (GDS), die Menschen mit neu diagnostiziertem Diabetes seit mehr als zehn Jahren begleitet.

Für die Cluster-Analyse wurden 1105 Teilnehmer anhand des prädiktiven Markers GADA (Glutamat-Decarboxylase-Antikörper), des Alters bei Diagnose, des Body-Mass-Index (BMI), des HbA1c-Spiegels und der HOMA-Indizes (Homöostasemodellbewertung) auf Insulinsensitivität und Insulinsekretion genauer analysiert und hinsichtlich diabetes-assoziierter Komplikationen, darunter die nichtalkoholische Fettleberkrankheit (NAFLD), Leberfibrose und diabetische Neuropathie, untersucht. Der Beobachtungszeitraum betrug fünf Jahre.

Hauptergebnisse 

Es konnten verschiedene Subtypen mit unterschiedlichen Risiken für Folgeerkankungen identifiziert werden: 

  1. milder altersbedingter Diabetes (MARD, 35%)
  2. milder adipositasbedingter Diabetes (MOD, 29%)
  3. schwerer autoimmuner Diabetes (SAID, 22%)
  4. schwerer insulinresistenter Diabetes (SIRD, 11%) 
  5. und schwerer insulindefizitärer Diabetes (SIDD, 3%). 

Die Ergebnisse zeigen, dass insbesondere zwei Subtypen ein hohes Risiko für Komplikationen besitzen. So lag das höchste Risiko für eine nichtalkoholische Fettleber beim Cluster des „schweren insulinresistenten Diabetes“ (SIRD) vor. Die Prävalenz einer hepatischen Fibrose in der SIRD-Gruppe betrug nach fünf Jahren 26 Prozent, in der SAID-Gruppe sieben Prozent, in den drei anderen Gruppe 12% (MARD), 13 % (MOD) und 0 Prozent (SIDD). Das höchste Risiko für eine diabetische Neuropathie gab es den Berechnungen zufolge beim Subtyp „schwere insulindefizitäre Diabetes“ (Prävalenz 36%).

Klinische Bedeutung

„Die neuen Subtypen werden dazu beitragen, präzise Präventions- und maßgeschneiderte Behandlungsstrategien für die jeweiligen Hochrisikogruppen zu entwickeln", betont Professor Michael Roden, Studienleiter der GDS, Vorstand am Deutschen Diabetes-Zentrum (DDZ) und Direktor der Klinik für Endokrinologie und Diabetologie am Universitätsklinikum Düsseldorf. „Dies ist ein wichtiger Schritt in Richtung Präzisionsmedizin bei Diabetes und seinen Begleiterkrankungen.“

Finanzierung. Deutsche Diabetes-Zentrum, mehrere Bundesministerien u.a.