Neuartiges Stimulationsgerät reduziert Tinnitus in großer klinischer Studie

  • Science Translational Medicine

  • von Michael Simm
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Eine Variante der Neuromodulation, bei der das Gehör akustisch und die Zunge zeitgleich oder zeitversetzt elektrisch stimuliert wird, führte in einer der bislang größten Studien zum Tinnitus zu einer deutlichen Reduktion der Beschwerden ohne dass es zu schweren Nebenwirkungen kam.

Hintergrund

Von der irritierenden Hörstörung Tinnitus sind nach Angaben der Autoren bis zu 15 % der Bevölkerung betroffen. Weder gibt es bisher dagegen zugelassene Medikamente noch Geräte, die die Beschwerden lindern könnten. Die Neuromodulation, mit der aberrante Neuronen durch elektrische oder magnetische Felder beeinflusst werden könnten, hat sich bei verschiedenen Hirnerkrankungen als vielversprechender Ansatz erwiesen.

Design

Doppelblinde, randomisierte Studie mit 698 gescreenten und 326 eingeschlossenen Erwachsenen (65 % männlich, Durchschnittsalter 48,1 Jahre) mit chronischem, subjektivem Tinnitus unterschiedlicher Subtypen am Tinnituszentrum der Universität Regensburg und am St. James´s Hospital in Dublin. Basierend auf der Beobachtung aus einer Pilotstudie, dass mit dem Tinnitus assoziierte Hirnregionen durch gepaarte akustische und somatosensorische Reize moduliert werden können, kam eine Kombination aus Kopfhörer und Zungenstimulator (Lenire, Neuromod Devices) zum Einsatz, der während einer 12-wöchigen Behandlungsphase täglich für jeweils eine Stunde benutzt werden sollte. Dabei gab es 3 Behandlungsarme mit unterschiedlichen Stimulationsparametern (Töne von 500 – 8000 HZ, synchronisiert oder zeitlich um 30 bis 50 oder 550 – 950 ms versetzt mit der elektrischen Stimulation der Zunge), gefolgt von einer 12-monatigen Nachbeobachtungszeit. Die Laut- und Stromstärke wurden individuell gemäß der Empfindlichkeit der Teilnehmer angepasst. Bewertet wurden die Ergebnisse nach 6 und 12 Wochen sowie 3 Mal in der Nachbeobachtungszeit anhand des jeweils 100 Punkte umfassenden Tinnitus Handicap Inventory (THI) und des Tinnitus Functional Index (TFI).

Ergebnisse

  • 84 % der Teilnehmer kamen zur Abschlussuntersuchung nach 12 Wochen Behandlung. Die Compliance-Rate wurde anhand Geräte-interner Aufzeichnungen mit 83,7 % bestimmt für einen Gebrauch des Stimulators über mindestens 36 Stunden.
  • Der Anteil der Teilnehmer mit mindestens 36 Stunden Training, die sich (in der Regel binnen 6 Wochen) verbesserten, betrug in den drei Studienarmen bezüglich:
    • THI: 85,9 / 88,8 / 83,7 %
    • THF: 88,3 / 80,7 / 74,7 %
  • Zwischen den Gruppen mit verschiedenen Stimulationsparametern gab es keine signifikanten Unterschiede; auf beiden Tinnitus-Skalen verbesserten sich die Teilnehmer bis zur Abschlussuntersuchung durchschnittlich um:
    • THI: 14,6 / 14,5 / 13,5 Punkte
    • THF: 13,9 / 13,8 / 13,2 Punkte
  • Es gab keine schweren Nebenwirkungen. 77,8 % der Patienten gaben an, diese Therapie anderen Tinnitus-Kranken zu empfehlen.

Klinische Bedeutung

Die Studie hatte keine Kontrolle in Form einer Scheinstimulation, daher ist die Größe eines möglichen Placebo-Effektes nicht abzuschätzen. Die duale Stimulation zweier Sinnesmodalitäten scheint eine wirksame Methode zu sein, um die subjektiven Beschwerden von Patienten mit Tinnitus zu mindern. Als minimale klinisch bedeutsame Verbesserungen werden z.B. beim THI 6 – 7 Punkte angenommen. Eine weitere Studie, zur Optimierung der Therapiezeiten bzw. -Dauer ist bereits angelaufen.

Finanzierung: Neuromod Devices.