Neuartiges Coronavirus: Die vielen asymptomatisch Infizierten fördern Ausbreitung und Persistenz

  • Ann Intern Med

  • von Dr. Nicola Siegmund-Schultze
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Wenn allgemeine Kontaktbeschränkungen gelockert werden, wird SARS-CoV-2 vor allem von asymptomatisch Infizierten verbreitet. Das folgern Epidemiologen aus Daten von 16 großen und gut untersuchten Kohorten. Der Grund für das aus Sicht der Forscher unterschätzte Verbreitungsrisiko: Menschen ohne Symptome sehen weniger Anlass, Abstand von anderen zu halten, als Personen mit potenziellen COVID-19-Beschwerden oder bestätigter Infektion. Künftige Teststrategien sollten dieses Risiko berücksichtigen.

Hintergrund
Bei Tests auf das neuartige Coronavirus liegt der Fokus derzeit auf Personen mit typischen Symptomen, also Verdacht auf eine Erkrankung. Auch Populationen, die ein erhöhtes Risiko für schwere Verläufe haben, werden vermehrt getestet, sowie Mitarbeiter des Gesundheitssystems oder Patienten, die stationär aufgenommen werden sollen. Die Prävalenz asymptomatisch oder präsymptomatisch Infizierter, die ebenfalls ansteckend sein können, lässt sich schwer einschätzen, denn es gibt nur wenige gut untersuchte Kohorten mit Längsschnitterhebungen. Solche haben US-amerikanische Forscher nun ausgewertet.

Design

  • Analyse der Ergebnisse von 16 internationalen und zum Teil geschlossenen Kohorten, darunter Längsschnittuntersuchungen bei 5 Kohorten
  • Größe der Kohorten: von 13.080 (Island) über einige tausend (5155 in Norditalien, 3711 auf einem Kreuzfahrtschiff und 1760 auf einem Flugzeugträger) bis zu einigen hundert Personen (Passagierschiffe)
  • Bedingungen für die Berücksichtigung geschlossener Kohorten wie Gefängnisinsassen oder Schiffsreisenden in der Analyse: Tests der gesamten Gruppen

Hauptergebnisse
Der Anteil der Personen, die über eine längere Zeit mit SARS-CoV-2 infiziert, aber asymptomatisch waren, variierte zwischen den Kohorten und den verschiedenen Testzeitpunkten von 31 % bis 86 %. Ein Teil hatte krankheitstypische Veränderungen in der Lunge ohne Symptome zum Zeitpunkt der Bildgebung. 3,4 % bis 10 % der asymptomatischen Virusträger entwickelten im weiteren Verlauf Symptome, sie waren also zum Testzeitpunkt rückblickend präsymptomatisch. Diese präsymptomatischen Personen haben häufig eine hohe Viruslast und könnten besonders ansteckend sein. Über alle Kohorten hinweg wurde die durchschnittliche Prävalenz asymptomatisch Infizierter auf 40 bis 45 % geschätzt.

Klinische Bedeutung
Der hohe Anteil von SARS-CoV-2-Infizierten, die keine Symptome haben, aber infektiös sein können, trägt vermutlich wesentlich dazu bei, dass sich das neuartige Coronavirus rasch weltweit verbreitet hat. Denn symptomlose Infizierte haben häufig mehr und engere Kontakte zu anderen Menschen als symptomatische, so die Wissenschaftler. Präsymptomatische Infizierte würden durch die gängigen Teststrategien meist gar nicht erfasst. Um in einer Endemieregion den Anteil der - teilweise hoch infektiösen - präsymptomatischen Personen einschätzen zu können, seien Longitudinaluntersuchungen erforderlich, und zwar in kurzen Abständen von 3 bis 14 Tagen. Die zu erwartenden Kostensenkungen für die Virusanalysen könnten solche Teststrategien begünstigen. Das Virus werde vermutlich lange persistieren, wenn sich nicht die Präventionsstrategien änderten, eine gut schützende Impfung oder hoch wirksame Therapien gefunden würden, so die Forscher.

Finanzierung: öffentliche Mittel.