Narkose bei Säuglingen: kein erhöhtes Risiko für Beeinträchtigung der neurokognitiven Entwicklung


  • Andrea Hertlein
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaft

Eine einstündige Vollnarkose im frühen Säuglingsalter dürfte der neurokognitiven Entwicklung des Kindes nicht schaden. Zu diesem Ergebnis kommt die internationale, randomisierte GAS-Studie (General Anesthesia compared to Spinal Anesthesia), die jetzt im Lancet veröffentlicht wurde. Die australischen Forscher fanden keine Anhaltspunkte für die Beeinträchtigung des sich entwickelnden Gehirns bis zum 5. Lebensjahr. Trozdem bleibe die Sicherheit längerer und wiederholter Anästhesien unklar.

Hintergrund

Seit über einem Jahrzehnt wird die Frage der Neurotoxizität von häufig verwendeten Anästhetika bei Säuglingen und Kleinkindern diskutiert. So warnte die US Food and Drug Administration, dass eine verlängerte oder wiederholte Anästhesie bei Kindern unter 3 Jahren die Gehirnentwicklung beeinträchtigen könnte. Hintergrund dafür waren im wesentlichen tierexperimentelle Untersuchungen, die Hinweise auf eine erhöhte Apoptose, Neurodegeneration und Störungen der Synaptogenese des sich entwickelnden Tiergehirns gaben. In der Folge wurden mehere Studien initiiert, die Auswirkungen am menschlichen Gehirn untersuchen sollten. Erstmals Entwarnung gaben die Anfang 2016 veröffentlichten Zwischenergebnisse der GAS-Studie. Danach zeigten Säuglinge, die eine Vollnarkase erhielten, keine Beeinträchtigung der neurokognitiven Entwicklung bis zum 2. Lebensjahr. Die Endergebnisse, die jetzt im Lancet veröffentlicht wurden, bewerten das Outcome im 5. Lebensjahr.

Design

Studienleiter Professor Andrew Davidson und seine Kollegen vom Melbourne Children´s Trial Center untersuchten zwischen Februar 2007 und Januar 2013 in 28 Kliniken insgesamt 4023 Säuglinge (im Alter bis zu 60 Wochen p. m.), bei denen eine Leistenhernien-OP notwendig war. Davon wurden 722 nach dem Zufallsprinzip einer von zwei Gruppen zugewiesen, und erhielten entweder eine Regionalanästhesie (363 Säuglinge) oder eine Sevofluran-Allgemeinanesthesie (359 Säuglinge). Als primärer Endpunkt der Studie wurde der Full-Scale Intelligence Quotient (FSIQ) auf der Wechsler Preschool und Primary Scale of Intelligence (WPPSI-III) im Alter von 5 Jahren festgelegt.

Hauptergebnisse

Es konnten Daten von 205 Kindern der Regionalanästhesiegruppe und 242 Kindern der Allgemeinanästhesiegruppe ausgewertet werden. Die mittlere Dauer der Vollnarkose betrug 54 Minuten. Dabei zeigte sich kein signifikanter Unterschied in den IQ-Werten zwischen den Kindern, die einer Vollnarkose (durchschnittlicher FSIQ-Wert 98,87) und einer wachen Regionalanästhesie (durchschnittlicher FSIQ-Wert 99,08) ausgesetzt waren. Es gab ebenfalls keine signifikanten Unterschiede in einer Reihe weiterer Tests, mit denen verschiedene neurokognitive Funktionen, darunter Aufmerksamkeit, Gedächtnis, sensomotorische Entwicklung und einfaches Problemlöseverhalten, bestimmt wurden.

Klinische Bedeutung

Die Studie liefert den bisher stärksten Beweis dafür, dass eine kurze Narkose bei kleinen Kindern sicher ist. "Fast die Hälfte der Vollnarkosen, die Säuglingen verabreicht wird, dauert weniger als eine Stunde. Daher sollten unsere Ergebnisse Ärzte beruhigen, genauso wie Millionen von Eltern, deren kleine Kinder weltweit jedes Jahr chirurgische oder diagnostische Eingriffe mit Anästhetika durchlaufen", sagt Studienleiter Andrew Davidson in einer Mitteilung zur Studie. Dennoch warnen die Autoren davor, dass die meisten (84%) Studienteilnehmer männlich waren. Weitere Untersuchungen seien daher erforderlich, um die Ergebnisse bei Mädchen und Kindern mit mehrfacher und längerer Narkose zu bestätigen.

Finanzierung: u.a. US National Institutes of Health, US Food and Drug Administration, Pfizer Canada