Narkolepsie: Pathomechanismus des Zelluntergangs aufgeklärt


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Ein Team von Wissenschaftlern aus der Schweiz hat in Zusammenarbeit mit Dr. Ulf Kallweit von der Universität Witten/Herdecke den Mechanismus identifiziert, der bei Narkolepsie-Patienten zum Untergang von Neuronen im Hypothalamus führt, die das Eiweiß Hypocretin produzieren. Den Unterschungen zufolge erkennen autoreaktive T-Lymphozyten das Eiweiß und führen so zu einer Immunreaktion und zum Untergang der Neuronen. Die Forschungsbefunde sind in der Fachzeitschrift „Nature“ erschienen.

Hintergrund

Die Narkolepsie ist eine seltene chronische Gehirnerkrankung, die etwa 0,05 Prozent der Bevölkerung betrifft und sich mit übermässiger Tagesschläfrigkeit, Kataplexie, Schlaflähmungen, Halluzinationen und gestörtem Nachtschlaf manifestiert. In Deutschland sind rund 40.000 Menschen betroffen. Erste Symptome treten oftmals während der Pubertät bzw. im jungen Erwachsenenalter auf, aber auch kleine Kinder können bereits betroffen sein. Narkolepsie geht mit einer schweren Minderung der Leistungs- bzw. Arbeitsfähigkeit und Lebensqualität einher.

Nur symptomatische Therapie möglich

Bisher vergehen immer noch vom Auftreten der ersten Beschwerden bis zur Diagnosestellung im Durchschnitt über zehn Jahre. Die Diagnose wird in der Regel durch Anamnese, Schlaflaboruntersuchungen und Bestimmung des Hypocretinwerts im Liquor gestellt. Die Behandlung ist rein symptomatisch, eine Heilung ist bisher nicht möglich. Außer Verhaltensmaßnahmen wie der Einplanung einer Tagesstruktur, in der auch Schlafzeiten tagsüber miteingeplant sind, zielt die medikamentöse Behandlung vor allem auf die Hauptsymptome der Erkrankung. Tagesschläfrigkeit kann durch verschiedene Stimulanzien bzw. wachfördernde Medikamente behandelt werden, andere Medikamente können die Kataplexien lindern. 

Genauer Pathomechanismus bislang unklar

Die Ursache der Narkolepsie ist ein allmählicher Verlust von Neuronen im Hypothalamus, die Hypokretin (HCRT) produzieren – ein Neuropeptid, das das Schlaf-Wach-, Emotions- und Ernährungsverhalten reguliert. Es wird angenommen, dass es sich bei der Narkolepsie um eine Autoimmunerkrankung handelt. Beobachtungen an eineiigen Zwillingen, die für die Krankheit diskordant sind (der eine hat Narkolepsie, der andere nicht), und die erhöhte Häufigkeit von Narkolepsie nach Infektionen (z. B. Influenza) deuten auf eine mögliche Rolle von Umweltfaktoren als Auslöser des Autoimmunprozesses hin. Die Mechanismen, die beim Verlust von Hypokretin-Neuronen eine Rolle spielen, sind jedoch bislang ungeklärt gewesen.

T-Lymphozyten als „Übeltäter“ identifiziert

In der aktuellen Studie verwendeten die Forscher laut einer Mitteilung eine innovative, aufwendige und besonders sensitive Methode, um das Repertoire der T-Zellen im Blut von Narkolepsie-Erkrankten zu untersuchen. Damit gelang es der Mitteilung zufolge erstmalig, T-Lymphozyten des Untertyps CD4 (und in einigen Fällen auch solche des Untertyps CD8) zu identifizieren, die gegen Hypocretin und gegen ein anderes Protein („TRIB2“), das in Hypocretin-Neuronen exprimiert wird, reagieren. Diese T-Zellen können eine Entzündung hervorrufen, wodurch Neurone zerstört werden, oder sie können möglicherweise auch unmittelbar spezifisch die Neurone zerstören, in denen Hypocretin produziert wird.

Klinische Bedeutung

"Wenn wir autoreaktive T-Zellen in frühen Stadien blockieren, können wir möglicherweise den neuronalen Verlust begrenzen und das Fortschreiten der Krankheit verhindern", so Prof. Federica Sallusto (Institut für Forschung in Biomedizin in Bellinzona und an der ETH Zürich), einer der beteiligten Forscher. Laut Dr. Ulf Kallweit, Ko-Erstautor, kann die Studie dazu beitragen, dass zukünftig möglicherweise schon durch eine Blutuntersuchung auf autoreaktive T-Lymphozyten gegen Hypocretin die Narkolepsie einfacher und schneller diagnostizierbar sei. Dies könnte auch dazu beitragen, früher eine Behandlung zu beginnen, zum Beispiel, um die Schule erfolgreich abzuschließen oder ein Studium durchführen zu können. Zudem könnten die neuen Erkenntnisse dabei helfen, neue Behandlungs-Optionen zu entwickeln, etwa Therapien, die den langsamen Untergang der Neuronen bremsen oder gar stoppen.

Finanzierung: Die Arbeit wurde vom Schweizerischen Nationalfonds, dem Europäischen Forschungsrat (ERC) und der Helmut Horten Stiftung unterstützt.