Nach dem Musikfestival sinkt die Hörschwelle deutlich – vor allem ohne Ohrstöpsel


  • Michael Simm
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Unter den Besuchern eines Musikfestivals in Amsterdam war das Risiko für einen temporären Hörschaden erhöht, wenn sie keine Ohrstöpsel trugen, Alkohol und/oder Drogen konsumierten und/oder männlich waren.

Hintergrund

Nach Angaben der Autoren wurden die Faktoren, die bei Musikfestivals zu Hörverlusten führen können, bislang noch nicht in einem einzigen umfassenden Datensatz untersucht. Außerdem sei wenig bekannt über das Verhalten der Besucher, das zu Hörschäden führen kann.

Design

Prospektiv geplante Post-hoc Analyse der Auswirkungen eines 4,5-stündigen Besuchs auf dem Open-Air Musikfestival Valtifest in Amsterdam am 5. September 2015 auf das Gehör Erwachsener. Gemessen wurde die temporäre Veränderung der Hörschwelle im Standardaudiogramm zwischen 3,0 und 4,0 kHz.

Hauptergebnisse

  • Der gewichtete Schalldruck des Festivals lag bei 100dBA, mit Spitzen bis zu 145 dBA.
  • Die Teilnehmer waren durchschnittlich 27 Jahre alt und zu 2/3 weiblich. Der durchschnittliche Alkoholkonsum wurde mit 4 Einheiten (800 – 100 mL) angegeben, und 11 Teilnehmer hatten nicht näher spezifizierte Drogen genommen.
  • Die durchschnittliche Veränderung der Hörschwelle betrug 5,4 bzw. 4,0 dB für das rechte bzw. linke Ohr.
  • Der Gebrauch von Ohrstöpseln erwies sich als wichtigster Schutzfaktor gegen temporären Hörverlust (-6,2 dB). Dagegen waren Alkohol (0,9 dB / Einheit), Drogengebrauch (6 dB) und männliches Geschlecht (4,1 dB) jeweils unabhängig mit einem Hörverlust assoziiert.
  • Mit steigendem Alkoholkonsum verbrachten die Teilnehmer mehr Zeit in der Nähe der Lautsprecher.
  • Die Bereitschaft, beim nächsten Konzert wieder Ohrstöpsel zu tragen, hing unter anderem davon ab, ob Stimmen klar wahrgenommen wurden und die Musik nicht als zu soft empfunden wurde.

Klinische Bedeutung

Die Anzahl der Teilnehmer scheint mit 51 ziemlich klein, und eine Verzerrung der Studienergebnisse ist wahrscheinlich, weil von vorneherein Freiwillige ausgeschlossen wurden, die Ohrstöpsel tragen wollten (sonst wäre keine Randomisierung möglich gewesen). Dennoch überrascht das Ergebnis nicht. Die Autoren fordern nun, Ärzte müssten die Aufmerksamkeit für dieses Problem schärfen. Allerdings dürfte die Warnung an jugendliche Konzertbesucher, dort auf Alkohol und Drogen zu verzichten sowie Ohrstöpsel zu tragen, wohl kaum auf fruchtbaren Boden fallen. Besser scheint es, zumindest die Ohrstöpsel auf dem Konzert an zentralen Stellen kostenlos zur Verfügung zu stellen.

Finanzierung: Keine Angaben.