Multisystemische Therapie bei antisozialen Jugendlichen ohne Wirkung auf Zahl der Straftaten

  • Lancet Psychiatry

  • von Michael Simm
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Mit einer Nachbeobachtungszeit von 5 Jahren ist die Studie START die bislang längste randomisierte Untersuchung zur Wirksamkeit einer Multisystemischen Therapie (MST) bei Jugendlichen in England. Wie schon in der Auswertung nach 18 Monaten konnte jedoch keine stärkere Reduktion der Straffälligkeit bei antisozialen Jugendlichen erreicht werden als mit einer regulären Betreuung.

Hintergrund

Für junge Menschen mit antisozialem Verhalten wurde in Form der MST eine schematisierte Behandlung entwickelt, für die aus mehreren Ländern Erfahrungsberichte vorliegen. Die MST ist eine auf dem Umfeld basierende, aufsuchende Behandlung mit Fokus auf die primären Bezugspersonen daheim, in der Schule und Gemeinde, die zur Problemlösung befähigt werden sollen. Bei der aktuellen Studie Systemic Therapy for At Risk Teens (START) handelt es sich um die erste größere randomisierte Studie in Großbritannien. Diese hatte nach 18 Monaten positive Effekte beim (gemessenen und durch die Eltern berichteten) Verhalten gezeigt, aber bezüglich von Straftaten/Verurteilungen keine Überlegenheit der Multisystemischen Therapie gegenüber einer regulären Betreuung zeigen können.

Design

Bericht und Update zu den Ergebnissen der START-Studie nach 60 Monaten. Dazu waren 684 Jugendliche zwischen 11 und 17 Jahren mit moderat bis schwer antisozialem Verhalten auf die übliche Betreuung bzw. eine Multisystemische Therapie randomisiert worden.

Ergebnisse

  • Unter der Multisystemischen Therapie hatten in den 5 Jahren 188 von 342 Teilnehmern (55%) mindestens eine Straftat begangen, die zu einer gerichtlichen Verurteilung führte. Unter der regulären Betreuung waren es 180 von 341 Jugendlichen (53 %).
  • Das Chancenverhältnis OR betrug 1,13 bei einem 95%-Konfidenzintervall von 0,82 – 1,56. Der Unterschied war nicht signifikant (p = 0,44).

Bedeutung

Wie schon nach 18 Monaten gab es auch nach 5 Jahren keinen Beweis dafür, dass eine MST im Vergleich zur regulären Betreuung die Straftaten bei Jugendlichen mit antisozialem Verhalten zu reduzieren vermag. Die Autoren verweisen darauf, dass frühere Reviews – unter anderem für die Behörde NICE – die MST zwar als vielversprechende Behandlungsmethode bezeichnet hatten; die Ergebnisse der dort zitierten Studien seien jedoch durchwachsen gewesen. Als mögliche Erklärung nennen sie nationale Unterschiede in den sozialen Diensten und bei der Strafjustiz, etwa zwischen den USA und Großbritannien. In Deutschland werden multimodale Interventionen wie die MST in der S3-Leitlinie Störungen des Sozialverhaltens diskutiert und bei einer schwerwiegenden Symptomatik für Jugendliche im Alter von 12-18 Jahren empfohlen (Evidenzstärke: hoch, Empfehlungsgrad: starke Empfehlung).

Finanzierung: National Institute for Health Research Health Services and Delivery Research programme.