Multiple Sklerose: Studie der Phase 2 testet Hakenwürmer an Patienten

  • JAMA Neurology

  • von Michael Simm
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Larven des Fadenwurms Necator americanus können Patienten mit schubförmiger Multipler Sklerose (MS) sicher verabreicht werden. Im Einklang mit der Hygiene-Hypothese führte diese Maßnahme auch zu eindeutigen Veränderungen bei den regulatorischen T-Zellen. Beim primären Endpunkt, der kumulativen Zahl neuer, vergrößerter oder verstärkter T2-Läsionen, gab es allerdings keine signifikanten Unterschiede zur Placebogruppe.

Hintergrund

Infektionen mit Fadenwürmern (Nematoden) wird hinsichtlich der Entwicklung von Allergien eine protektive Wirkung zugeschrieben und gemäß der Hygiene-Hypothese auch gegen manche andere inflammatorische Krankheiten wie der Multiplen Sklerose. Auch gibt es eine inverse Beziehung zwischen der Prävalenz und Inzidenz der MS mit Infektionen durch Trichuris und anderen Darmparasiten. Bei derart infizierten Patienten verläuft die Krankheit milder, und es gibt Anzeichen für eine verstärkte Aktivität regulatorischer T-Zellen. Erste Studien mit Eiern von Trichuris zeigten ein gutes Sicherheitsprofil und immunologische Effekte, allerdings hatten diese Untersuchungen nur wenige Teilnehmer, keine Placebo-Kontrolle, und sie waren nur von kurzer Dauer.

Design

Doppelblinde, randomisierte, Placebo-kontrollierte Studie der Phase 2 von 9 Monaten Dauer am medizinischen Zentrum der Universität Nottingham. Rekrutiert wurden 71 Patienten (71 % Frauen, Durchschnittsalter 45 Jahre) mit schubförmiger MS, die keine Krankheits-modifizierenden Medikamente erhielten. Sie erhielten transkutan entweder 25 Larven der Art Necator americanus oder Placebo und wurden durch MRI-Scans in den Monaten 3 bis 9 kontrolliert. Primäres Studienziel war die kumulative Zahl neuer, vergrößerter oder verstärkter T2-Läsionen.

Ergebnisse

  • Die Forscher fanden bei den neuen Läsionen keinen Unterschied zwischen den beiden Behandlungsgruppen. Wie sie erklären, konnten die angewandten statistischen Tests (Mann-Whitney U) allerdings Unterschiede weniger gut nachweisen, weil es unter den Empfängern der Hakenwürmer einen wesentlich höheren Anteil von Patienten ohne jegliche MRI-Aktivität gegeben habe als unter Placebo (51,4 versus 27,8 %).
  • In der ersten Gruppe gab es 5, in der Kontrollgruppe 11 Krankheitsschübe (14,3 versus 30,6 %).
  • Beim sekundären Endpunkt, dem Anstieg bestimmter regulatorischer T-Zellen im peripheren Blut (CD4+CD25highCD127neg), wurden 4,4 gegenüber 3,9 % ermittelt, was eine statistisch signifikante Differenz darstellte (P = 0,01).
  • Nebenwirkungen waren in beiden Gruppen gleich häufig aufgetreten, mit der Ausnahme von Unbehagen („discomfort“) an der Hautstelle, wo die Larven appliziert wurden (82 versus 28 %).

Klinische Bedeutung

Laut Autoren legt der höhere Anteil von MRI-Scans ohne neue Aktivität in der „Wurm-Gruppe“ einen Nutzen der Therapie nahe. Allerdings war dies anhand des primären Endpunktes nicht nachweisbar. Beim sekundären Endpunkt ergab sich zwar eine statistische Signifikanz, deren klinische Relevanz ist aber unklar. Schließlich lässt ein Blick auf Nebenwirkungen an der Applikationsstelle vermuten, dass eine echte Verblindung nicht gelungen ist. Die Kommentatoren Daniel Ontaneda und Jeffrey A. Cohen vom MS-Center der Cleveland Clinic in Ohio begegnen den Deutungen der Studienautoren denn auch ungewöhnlich deutlich. Sie überschreiben ihr Editorial mit dem Titel: „Lasst die Würmer im Schlamm“.

Finanzierung: MS Society of the Great Britain and Northern Ireland, Forman Hardy Charitable Trust, Bayer-Schering.