Multiple-Sklerose-Spezialisten nehmen Stellung zur mRNA-Impfung


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Die neue Technik der mRNA-Vakzinierung, die gegenwärtig so erfolgreich als Covid-Impfung eingesetzt wird, ist nicht ohne weiteres auf Erkrankungen wie die Multiple Sklerose übertragbar. Dies betonen Neurologen und MS-Experten des Kompetenznetzes Multiple Sklerose in einer aktuellen Stellungnahme.

Hintergrund der Stellungnahme

Einem Wissenschaftlerteam ist es gelungen, die Entstehung einer experimentellen autoimmunen Enzephalomyelitis bei Mäusen durch einen entzündungshemmenden Impfstoff zu unterdrücken. Bei bereits erkrankten Tieren konnte in einer Studie unter der Leitung von Prof. Uğur Sahin, dem Mitbegründer von Biontech, der Krankheitsverlauf durch den mRNA-Impfstoff gemildert bzw. rückgängig gemacht werden. Die im Fachmagazin „Science“ publizierten Ergebnisse von Christina Krienke und ihren Kollegen wecken Hoffnungen bei MS-Betroffenen. Die Resonanz in den Medien ist hoch, es wird teilweise von der Möglichkeit gesprochen hier eine Impfung gegen die Multiple Sklerose generieren zu können. Doch was bei Mäusen funktioniert, funktioniert nicht zwangsläufig auch bei MS-Kranken, wie das Krankheitsbezogene Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKMNS) in der Stellungnahme betont.

Die Technik der mRNA Vakzinierung wird derzeit intensiv diskutiert. Zumal sie erstmals erfolgreich als Strategie zur Entwicklung eines Impfstoffes gegen das Sars-COV2 Virus etabliert wurde. Mit Datum vom 08.01.2021 sind gegenwärtig zwei Impfstoffe zugelassen, die beide das selbe Prinzip verwenden.

Nun wurde die mRNA Vakzinierung im Tierexperiment und an einem MS-Modell verwendet. Die hochwertige Studie sei wissenschaftlich von größter Bedeutung und dokumentiere erneut auch das Potential der mRNA Vakzinierungsstrategie insgesamt, heißt es in der Stellungnahme. Allerdings: Was in Mäusen mit experimenteller autoimmuner Enzephalomyelitis als Impfstrategie funktioniere, sei als Strategie für eine Autoimmunerkrankung bei Menschen nicht so einfach zu übersetzen. Hauptproblem beim Menschen – im Gegensatz zum Tiermodell – ist, dass die Zielantigene bei der MS nicht bekannt sind. Über Jahrzehnte haben Wissenschaftler bereits versucht, die für Multiple Sklerose relevanten Antigene zu identifizieren, dies gelang jedoch nicht. Ganz im Gegenteil: In den 90er Jahren haben Antigen-spezifische Therapieansätze bei der Übertragung aus Laborbedingungen auf den Menschen sogar teilweise unerwartet zu einer Verstärkung der Entzündung im Gehirn geführt, indem Immunantworten gegen das ZNS sogar befördert und nicht unterdrückt wurden. 

Antigen-spezifische Therapie ohne Erfolgschancen

Die MS gilt heute als komplexe Störung immunregulatorischer Netzwerke. Nach der Gabe einer Selektion von Antigenen zur Therapie einer Autoimmunerkrankung kann es sogar zu einer fehlgesteuerten Aktivierung von Abwehrzellen kommen. Denn im Verlauf der Erkrankung gibt es offensichtlich sehr viele Antigene sowie HLA Moleküle, welche den T Zellen helfen, anhand der zellulären Oberflächenstruktur kranke von gesunden Zellen zu unterscheiden, die individuell unterschiedlich sind. Weiterhin beruht das Phänomen der Verstärkung der Entzündung wohl auf speziellen Bindungsstärken der gegen den eigenen Körper gerichteten Immunabwehr. Somit ist es nicht verwunderlich, dass bislang kein Antigen-spezifischer Therapieansatz in der Multiplen Sklerose (und auch nicht bei anderen Autoimmunerkrankungen) erfolgreich war. 

Eine Autoimmunkrankheit wie die Multiple Sklerose ist im Kontext der entwickelten Impfung damit nicht gleichzusetzen mit einer Infektion, die ja eine sehr gerichtete Antwort auf sehr definierte (Virus)Antigene darstellt. Die Strategie, eine „Impfung gegen MS“ zu entwickeln, sei zwar charmant und wissenschaftlich ein hochwertvolles Ziel. Es fehle aber beim Menschen nicht die richtige Labortechnik, sondern die Biologie der Entzündungsprozesse bei der MS sei ganz anders zu bewerten als bei einer Infektion. 

Autorinnen und Autoren der Stellungnahme:

  • Prof. Dr. Frauke Zipp, Klinik für Neurologie, Johannes Gutenberg-Universität, Mainz 
  • Prof. Dr. Heinz Wiendl, Klinik für Neurologie mit Institut für Translationale Neurologie, Universitätsklinikum Münster
  • Prof. Dr. Ralf Gold, Neurologische Klinik der Ruhr-Universität Bochum
  • Prof. Dr. Ralf Linker, Neurologische Klinik des Universitätsklinikums Erlangen
  • Prof. Dr. Martin Kerschensteiner, Institut für Klinische Neuroimmunologie der LMU München