Multiple Sklerose: Impfungen sind kein Risikofaktor

  • Hapfelmeier A & al.
  • Neurology
  • 30.07.2019

  • von Dr. Stefanie Reinberger
  • Studien – kurz & knapp
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Kernaussagen

Die vorliegende Fallkontroll-Studie ergibt keinen Hinweis darauf, dass Impfungen das Risiko für Multiple Sklerose (MS) erhöhen. Tatsächlich hatten sich Personen mit MS in den fünf Jahren vor der Diagnose sogar weniger impfen lassen als Kontrollpersonen.

Hintergrund

In den letzten Jahren wurden verschiedene Umweltfaktoren als mögliche Risikofaktoren für MS diskutiert – darunter auch Impfungen. Sie sollen möglicherweise das Risiko für die Entwicklung einer MS, aber auch für Krankheitsschübe erhöhen. Allerdings kommen verschiedene Studien zu widersprüchlichen Ergebnissen. In einer großen Fallkontroll-Studie mit mehr als 200.000 Personen wurde daher untersucht, wie sich das Impfverhalten auf das Erkrankungsrisiko auswirkt.

Studiendesign

Grundlage für die Studie waren Krankenversicherungsdaten von insgesamt 223.035 Personen – darunter 12.262 MS-Patienten. Als Kontrollgruppen dienten Patienten mit Morbus Crohn (n = 19.296), Psoiasis (n = 112.292) sowie Personen ohne Autoimmunerkrankung (n = 79.185). Ausgewertet wurden bei allen Probanden wie viele und welche Impfungen sie in den letzten fünf Jahren vor Diagnose bzw. bei gesunden Kontrollpersonen innerhalb des selben Zeitraumes bekommen hatten.

Hauptergebnisse

  • Das Risiko, an MS zu erkranken, war für Personen mit dokumentierter Impfung geringer als für Personen ohne Impfungen im Untersuchungszeitraum.
  • MS-Patienten hatten im Zeitraum von fünf Jahren vor der Erkrankung weniger Impfungen bekommen als die Probanden der drei Kontrollgruppen.
    • OR 0.870, p
    • OR 0.919, p
    • OR 0.973, p = 0.177 gegenüber Teilnehmern mit Psoriasis.
  • Eine Analyse der verabreichten Impfungen ergab eine negative Korrelation zwischen der individuellen Impfung und dem Auftreten von MS. Einzige, statistisch nicht signifikante Ausnahme war die Impfung gegen Humane Papillomviren, bei der das Risiko gegenüber Patienten mit Psoriasis leicht erhöht war.
  • Besonders deutlich war die Negativkorrelation bei Impfungen gegen Hepatitis A und B, FSME und Grippe.

Klinische Bedeutung

Wir können aufgrund der großen Datenmenge klar sagen, dass es keinen Hinweis darauf gibt, dass sich die Wahrscheinlichkeit für eine MS-Erkrankung oder das Auftreten eines ersten MS-Schubs durch Impfungen unmittelbar erhöht“, erklärt Alexander Hapfelmeier, Erstautor der Studie. Es ist jedoch unklar, wie die negative Korrelation zustande kommt. „Vielleicht nehmen Menschen lange vor ihrer Diagnose die Krankheit wahr und verzichten deshalb auf zusätzliche Belastungen für das Immunsystem“, so Hapfelmeier. „Oder die Impfung hat einen protektiven Effekt und hält das Immunsystem von Attacken gegen das Nervensystem ab.“ Ob es tatsächlich einen solchen Schutzeffekt gibt, müssen künftige Studien zeigen.

Limitationen

Die subjektive Definition der MS-Kohorte verfälscht möglicherweise die Ergebnisse.

Finanzierung

BMBF, Kompetenznetz Multiple Sklerose und andere.