Muhammad Ali: Parkinson-Erkrankung tatsächlich Folge des Boxens?

  • Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Von Nadine Eckert

Im Oktober 1980 zeigte der dreifache Weltmeister im Schwergewichtsboxen, Muhammad Ali, bei einem Kampf erstmals eine Schwäche auf der linken Seite, die per Videoaufzeichnung in die Welt getragen wurde. Was folgte waren jahrzehntelange Spekulationen in Medien und Öffentlichkeit, inwiefern seine Boxkarriere zu den motorischen Symptomen beigetragen haben könnte.

Erneut angefeuert wurde die Diskussion jüngst durch einen neuen Dokumentarfilm sowie ein Buch über das Leben und die Karriere des Boxers. „Sowohl der Film als auch das Buch fokussierten sich stark auf durch das Boxen bedingte Traumata sowie die Möglichkeit, dass eine Parkinson-Erkrankung durch wiederholte Schädel-Hirn-Traumata entstehen könnte“, schreiben Dr. Mahlon R. DeLong von der Neurologischen Abteilung der Emory School of Medicine, Atlanta, USA, und seine Koautoren in einem Meinungsbeitrag in "JAMA Neurology ".

Vorsicht vor dem VIP-Syndrom

An der Emory University wurde Muhammad Ali über Jahrzehnte medizinisch betreut – von 1985 bis zu seinem Tod im Jahr 2016. Und dort sei bei ihm auch eine idiopathische Young-Onset-Parkinson-Erkrankung mit dominantem Tremor diagnostiziert worden, so die Neurologen um DeLong. Diese Diagnose „ist durch die öffentlich geführte Diskussion über mögliche Konsequenzen seiner Karriere als Boxer oft überschattet worden“, ergänzen sie.

Auch der deutsche Parkinson-Spezialist Prof. Dr. Lars Timmermann, Direktor der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Marburg, warnt im Gespräch mit Medscape vor voreiligen Schlüssen: „Ich denke, Muhammad Ali wurde hier Opfer des VIP-Syndroms. Bei einem weltberühmten Boxer erscheinen die Zusammenhänge nur allzu offensichtlich. Aber gerade in solchen Fällen ist es die Aufgabe des Arztes, sorgfältig zu untersuchen, die Fakten zu sortieren und dann eine Diagnose zu stellen – wie es an der Emory University auch gemacht wurde.“

Diese sorgfältigen Untersuchungen lieferten bei dem Boxer überzeugende Hinweise auf eine Parkinson-Erkrankung, wenn auch im Alter von Ende 30 eine früh auftretende Form. DeLong und seine Kollegen berichten, dass Ali sehr gut auf die Behandlung mit L-Dopa angesprochen habe. „Das ist nach Schädel-Hirn-Traumata nicht zu beobachten“, betonen sie. „Sein auffälliger Tremor in der linken Hand, die Bradikinesie und die Steifheit verbesserten sich alle beträchtlich, wenn er Medikamente einnahm.“

Eindeutige Unterschiede zum traumatisch bedingten Tremor

Der auf L-Dopa ansprechende Tremor und die anderen Symptome hätten über den gesamten 34-jährigen Erkrankungszeitraum bestanden, so die Autoren. Der posttraumatische Tremor trete dagegen häufig vorübergehend auf und zeige sich als posturaler und/oder kinetischer Tremor. Außerdem gehe posttraumatischer Tremor nicht mit dem Zahnradphänomen und Bradykinesie einher, die beide bei Ali zu beobachten gewesen seien.

Auch bildgebende Untersuchungen des Gehirns des Boxers lieferten überzeugende Beweise für eine idiopathische Parkinson-Erkrankung. „Der Fall Muhammad Ali zeigt sehr deutlich die Gefahren auf, die es hat, wenn die Medien, die Öffentlichkeit und auch Ärzte über medizinische Diagnosen spekulieren, ohne den Patienten jemals persönlich untersucht zu haben“, schreiben sie.

Ohne persönliche Untersuchung keine Diagnose

Diesem Fazit schließt sich auch Timmermann an: „Der Verdacht, dass die Parkinson-Symptome von Muhammad Ali etwas mit seiner Karriere als Boxer und häufigen Schlägen auf den Kopf zu tun haben könnten, ist nicht komplett an den Haaren herbeigezogen. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass mehrfache Schädel-Hirn-Traumata die Entstehung von Morbus Parkinson begünstigen können. Andere zeigen ein gehäuftes Auftreten der Krankheit etwa bei Fußballern. Aber ohne regelgerechte persönliche Untersuchung einer Person lässt sich keine verlässliche medizinische Diagnose stellen.“

DeLong und seine Koautoren berichten auch, dass viele Patienten mit einem Symptombild wie Muhammad Ali fehldiagnostiziert würden oder erst spät eine korrekte Diagnose erhielten. Eine ähnliche Beobachtung machte auch Timmermann: „Eine Befragung, die wir vor mehreren Jahren durchgeführt haben, zeigte, dass diese Patienten im Schnitt 7 Ärzte sehen, bevor sie eine Diagnose erhalten. Ich hoffe, dass das mittlerweile etwas bessern geworden ist, aber es ist nach wie vor ein Problem.“

Young-Onset-Parkinson-Patienten werden noch zu lange übersehen

Kollegen im hausärztlichen Bereich rät er deshalb bei Steifheit im Arm, Nervosität und gedrückter Stimmung auch an einen Young-Onset-Parkinson zu denken, selbst wenn kein Tremor vorliege. Denn lange übersehen werden oft speziell die Patienten ohne den charakteristischen Tremor.

„Früher waren wir, was die Therapie des Morbus Parkinson angeht restriktiver, heute wissen wir, dass eine frühzeitige Therapie von entscheidender Bedeutung ist“, ergänzte Timmermann. „Wir sollten nicht abwarten, bis es den Patienten schlecht geht, sondern verhindern, dass es ihnen schlecht geht.“

Frühzeitige Therapie ermöglicht gute Lebensqualität

Insbesondere beim Young-Onset-Parkinson, der die Patienten mitten im Leben trifft, ist es wichtig, dass sie ihre sozialen Funktionen langfristig weiter erfüllen können. Zudem gebe es Hinweise darauf, dass eine frühzeitige Therapie mit L-Dopa auch einen positiven Effekt auf den Verlauf haben könnte.

Die Bedeutung einer frühzeitigen Diagnose und Therapie zeigt sich auch am Beispiel von Muhammad Ali: „Sein Krankheitsverlauf zeigte die häufige Realität des Morbus Parkinson mit dominierendem Tremor, nämlich dass die Patienten ein hochfunktionelles und produktives Leben führen können – wie sich an seinen zahlreichen öffentlichen Auftritten und selbst dem Entzünden der Olympischen Flamme im Jahr 1996 ablesen lässt“, schreiben DeLong und seine Kollegen.

Von der Sorge, vorzeitig eine kritische Schwelle bei der L-Dopa-Dosierung zu erreichen und dem Patienten dann nicht mehr helfen zu können, sollte man sich dabei nicht leiten lassen. „Wir können die Therapie heute deutlich besser steuern als früher“, betonte Timmermann. Und sowohl bei der Pumpentherapie als auch bei der Tiefen Hirnstimulation als weitere Behandlungsoption habe es zahlreiche Fortschritte gegeben.

 

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Medscape.de.