Mütter mit hohem Stresslevel fördern bei ihren Kindern Übergewicht


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Stress der Mutter im ersten Lebensjahr eines Kindes ist ein Risikofaktor dafür, dass das Kind übergewichtig wird. Dies gilt vor allem für Mädchen. 

Hintergrund

Immer mehr Menschen in Deutschland sind übergewichtig, auch Kinder und Jugendliche. Fast zehn Prozent der Kinder zwischen zwei und sechs Jahren sind übergewichtig, davon rund drei Prozent sogar fettleibig. Zu den bekannten Ursachen zählen mangelnde Bewegung und falsche Ernährung, wobei auch „Umweltfaktoren“ eine gewichtige Rolle spielen, etwa Werbung für stark gezuckerte Getränke und besonders „obesogene“ Lebensmittel. Relevante Faktoren sind auch der sozioökonomische Status und der Bildungsgrad. „Mütterlicher Stress steht ebenfalls im Verdacht, zu einer Entwicklung von Übergewicht bei Kindern beizutragen“, sagt Ernährungswissenschaftlerin Dr. Kristin Junge (Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, (UFZ). „Gerade das Zeitfenster während der Schwangerschaft und in den ersten Lebensjahren ist in der kindlichen Entwicklung sehr sensibel für äußere Einflüsse, die zu Krankheiten oder auch Übergewicht führen können.“ In einer Studie haben die UFZ-Wissenschaftlerinnen nun untersucht, ob und wie sich mütterliches Stressempfinden während der Schwangerschaft sowie in den ersten beiden Lebensjahren auf die Gewichtsentwicklung eines Kindes bis zum fünften Lebensjahr auswirkt.

Design

Für ihre Studie haben die Autoren Daten aus der Mutter-Kind-Studie LiNA ausgewertet. LiNA ist eine Langzeitstudie, in der sensible kindliche Entwicklungsphasen unter besonderer Berücksichtigung von Lebensstil, Umweltbelastungen und dem späteren Auftreten von Allergien, Atemwegserkrankungen und Übergewicht untersucht werden. 

Die aktuelle UFZ-Studie basiert auf Daten von 498 Mutter-Kind-Paaren. Der empfundene Stress der Mütter wurde mit validierten Fragebögen erhoben und umfasste die Themen Sorgen und Ängste, Gefühle von Anspannung, allgemeine Zufriedenheit sowie den Umgang mit täglichen Anforderungen. „Die Daten zum empfundenen Stress der Mütter während der Schwangerschaft sowie in den ersten beiden Lebensjahren des Kindes haben wir mit der Entwicklung des BMI der Kinder bis zu ihrem fünften Lebensjahr ins Verhältnis gesetzt und geschaut, ob es einen Zusammenhang gibt“, erklärt Biochemikerin Dr. Beate Leppert, Erstautorin der Studie, die mittlerweile an der Universität Bristol arbeitet.

Hauptergebnisse 

  • Die Studie zeigt, dass es tatsächlich einen Zusammenhang gibt. Empfanden Mütter im ersten Lebensjahr ihres Kindes viel Stress, war die Wahrscheinlichkeit groß, dass ihre Kinder in den ersten fünf Lebensjahren einen erhöhten BMI entwickeln. „Die Auswirkungen durch mütterlichen Stress scheinen langfristig prägend zu sein“, sagt Kristin Junge. 
  • Der Zusammenhang zwischen mütterlichem Stressempfinden im ersten Lebensjahr des Kindes und erhöhtem BMI war besonders deutlich bei Mädchen zu sehen. „Es scheint, dass vor allem Töchter gestresster Mütter ein erhöhtes Risiko haben, übergewichtig zu werden“, sagt Dr. Saskia Trump, Letztautorin der aktuellen Studie, die mittlerweile am Berliner Institut für Gesundheitsforschung arbeitet. 
  • Keine signifikanten Auswirkungen auf die Gewichtsentwicklung beider Geschlechter hatte der empfundene Stress der Mütter während der Schwangerschaft sowie während des zweiten Lebensjahres des Kindes. 
  • Die Ergebnisse zeigen außerdem, dass Mütter mit einem deutlich erhöhten empfundenen Stresslevel häufig viel Verkehr oder Lärm ausgesetzt waren, in einem einfachen Wohnumfeld lebten oder ein niedriges Haushaltseinkommen hatten. 

Klinische Bedeutung

„Das erste Lebensjahr scheint eine sensible Phase und für die Neigung zu Übergewicht prägend zu sein“, sagt Kristin Junge. Schließlich verbringen Mutter und Kind meist das gesamte erste Jahr gemeinsam – viel Zeit, in der das mütterliche Stressempfinden oder damit verbundene Verhaltensweisen vom Kind wahrgenommen werden. „In dieser Zeit sollte dem Befinden der Mutter daher besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden“, ergänzt Trump. „Der von Müttern empfundene Stress sollte ernstgenommen werden“, sagt Junge. „Hebammen, Frauen-, Kinder- und Hausärzte sollten im ersten Jahr nach der Geburt des Kindes besonders aufmerksam sein für Anzeichen von Stress.“ Die Studie bestätigt zudem die Bedeutung sozioökonomischer Faktoren und damit auch der Sozial-, Wirtschafts- und Bildungspolitik.

Finanzierung: Helmholtz Impulse and Networking Fund, Helmholtz Interdisciplinary Graduate School for Environmental Research (HIGRADE)”, Helmholtz Initiative for Personalized Medicine (iMed), Bundesministerium für Bildung und Forschung