Morbus Alzheimer: Hoffnungsträger sind Bluttests und Therapien gegen Tau-Protein


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Die Alzheimer-Erkrankung lässt sich heute schon erkennen, bevor die Betroffenen kognitive Einschränkungen erleben. Bald könnte sogar ein Bluttest zur Frühdiagnose der neurodegenerativen Krankheit verfügbar sein, wird Priv.-Doz. Dr. Juraj Kukolja aus Wuppertal beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) in einer Pressemitteilung der DGN zitiert. Der Kongress hat im Rahmen der Neurowoche in Berlin stattgefunden. Das große Problem: die noch immer sehr eingeschränkten medikamentösen Optionen. Eine Pharmakotherapie, die mehr kann, also Symptome etwas lindern und die Progression bremsen, gibt es nicht. Hoffnungen basieren auf neuen Therapieansätzen, an denen Forscher weltweit arbeiten.

Hintergrund

Seit einigen Jahren ist bekannt, dass die Alzheimer-Erkrankung eine lange asymptomatische und symptomarme Phase hat. Wie bei anderen chronischen Erkrankungen auch, ruhen Hoffnungen daher auf einer frühzeitigen Diagnose, um das Fortschreiten der Erkrankung so früh und effektiv wie möglich wenigstens zu stoppen. Mit der MRT und der Amyloid-spezifischen Positronen-Emissionstomographie (PET) sowie Liquor-Analysen stehen diagnostische Verfahren zur Verfügung, die relativ früh eine Diagnose ermöglichen. Sie sind allerdings aufwendig, kostspielig oder zu invasiv. Für ein Screening auf Morbus Alzheimer in großen Bevölkerungsgruppen sind sie nicht geeignet. 

Frühdiagnose durch Bluttest auf drei ß-Amyloid-Varianten 

„Nur ein Bruchteil der Alzheimer-Patienten wird adäquat diagnostiziert“, sagt Juraj Kukolja, Chefarzt der Klinik für Neurologie und klinische Neurophysiologie am Helios Universitätsklinikum Wuppertal. Mittels Biomarker-Bestimmung im Liquor und Bildgebung mit MRT und PET ist es mit hoher Empfindlichkeit und Sicherheit möglich, die Alzheimer-Erkrankung bereits im Anfangsstadium zu erkennen. „Personen, die ein erhöhtes Risiko haben, in späteren Jahren an einer Alzheimer-Demenz zu erkranken, können noch im Stadium ihrer kognitiven Gesundheit identifiziert werden“, wird Kukolja in der Mitteilung der DGN zitiert. „Es ist zu erwarten, dass in den kommenden Jahren eine weniger invasive und kostengünstige Frühdiagnostik der Alzheimer-Erkrankung möglich wird.“ Japanische und australische Wissenschaftler hätten in Kooperation eine Methode gefunden, typische Alzheimer-Veränderungen im Blut nachzuweisen, was den Weg für die Entwicklung eines breit verfügbaren Bluttests ebne. Der Test bestimmt mit hoher Genauigkeit β-Amyloid (Aβ), ein Eiweißbruchstück, das sich schon Jahrzehnte vor Ausbruch der klinischen Symptome im Gehirn von Alzheimer-Patienten ansammeln kann. Aβ findet sich im Blut aber nur in sehr geringen Konzentrationen. Die japanischen und australischen Forscher nutzten daher eine Kombination aus Immunpräzipitation und Massenspektroskopie, was wesentlich empfindlicher ist als das übliche ELISA-Verfahren. Auch bestimmten sie nicht die Gesamtmenge an Aβ, sondern das Konzentrationsverhältnis dreier Aβ-Varianten zueinander: Aβ42, Aβ40 und APP669-711 („Nature“).

Neue Ansätze für eine kausale Therapie 

Eine therapeutische Konsequenz ergibt sich aus der verbesserten Alzheimer-Diagnostik derzeit nicht. Die Behandlung der Symptome ist weiterhin die einzige Therapieoption. Versuche, das Fortschreiten der Erkrankung aufzuhalten, sind gescheitert. „Die Studien mit Antikörpern, welche die Alzheimer-typischen Amyloid-Ablagerungen im Gehirn beseitigen sollten, waren erfolglos“, sagt Kukolja. In den vergangenen 15 Jahren seien mehr als 400 klinische Studien zu Wirkstoffen gegen Morbus Alzheimer registriert worden, schrieb erst kürzlich der Neurologe und Demenz-Forscher Professor David A. Bennett (Rush Alzheimer’s Disease Center in Chicago) im „JAMA“. Die „Versager-Rate“ liege bei den Studien mit veröffentlichten Resultaten jedoch bei fast 100 Prozent.

Trotzdem wird weiterhin an der genaueren Charakterisierung der Alzheimer-Pathologie und an alternativen Therapieansätzen geforscht. „Die Alzheimer-Forschung hat das Tau-Protein, welches sich neben Amyloid im Gehirn von Alzheimer-Patienten ablagert, und entzündliche Prozesse, welche bei der Erkrankung entstehen und sie befeuern, im Fokus“, berichtet Kukolja. PET-Untersuchungen konnten zeigen, dass die Ausprägung und Ausdehnung von Tau-Ablagerungen die Dynamik und Schwere der Alzheimer-Demenz besser vorhersagen als Amyloid. Derzeit laufen frühe klinische Studien mit mehreren Präparaten gegen Tau. Da die Pathogenese sehr komplex ist, außer Amyloid-Eiweißen auch Tau-Proteine in einem komplizierten Wechselspiel an der Pathogenese beteiligt sind, wird auch auf Kombinations-Therapien gegen mehrere Ziel-Proteine wie Tau und Beta-Amyloid gesetzt.

Insgesamt sollen mehr als 100 therapeutische Wirkstoffe in der Entwicklung sein. „Es ist auch zu früh, um schon aufzugeben“, sagte dieses Jahr Professor Paul Aisen, Direktor des Alzheimer-Forschungszentrum der Universität von Südkalifornien in San Diego. Allein das US-Biotech-Unternehmen Denali Therapeutics hat mehrere Wirkstoffe in seiner Forschungs-Pipeline, zum Beispiel gegen Tau-Fibrillen und andere Zielstrukturen.

Viel Aufmerksamkeit haben laut DGN außerdem Studien erregt, die nachweisen konnten, dass die Alzheimer-Pathologie im Maus-Modell und auch bei Menschen mit einer entzündlichen Reaktion einhergeht. Deutsche Forscher fanden in einer Reihe von Experimenten an transgenen Mäusen heraus, dass Amyloid beta zu einer entzündlichen Reaktion mit Aktivierung einer Kaskade von Proteinkomplexen führt, welche ihrerseits die Bildung von krankhaften Amyloid-beta-Aggregaten fördern. Die Kenntnis dieser Mechanismen öffne das Tor für die Erprobung weiterer Therapie-Optionen, welche die entzündlichen Prozesse bremsen könnten.