Morbus Alzheimer: Angst oder Depressionen schon bei beginnender Neurodegeneration


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften 

Frühe Tau-Ablagerungen beim Morbus Alzheimer können mit neuropsychiatrischen Symptomen wie Depression, Angst und Schlafstörung einhergehen - noch vor dem Auftreten von kognitiven Störungen. Dies lässt schlussfolgern, dass Patienten mit solchen neuropsychiatrischen Symptomen schon an Morbus Alzheimer erkrankt sein können und nicht nur ein erhöhtes Krankheitsrisiko haben.

Hintergrund

Die sporadische Alzheimer-Demenz tritt zwar erst im höheren Alter auf, der neurodegenerative Prozess beginnt mehreren Untersuchungen zufolge jedoch schon Jahrzehnte zuvor. Da die therapeutischen Möglichkeiten bei bestehender Demenz stark eingeschränkt sind hofft man, entweder durch eine Prävention oder zumindest durch eine sehr frühe Therapie die Entwicklung zur Demenz zu verhindern oder zu bremsen. Eine Voraussetzung für eine frühe therapeutische Intervention ist eine Frühdiagnose. 

Seit Jahren suchen Wissenschaftler daher nach frühen laborchemischen und bildgebenden Biomarkern, deren Auftreten den klinischen Symptomen entweder vorausgeht oder mit frühen klinischen Symptomen korreliert. Außer dem subjektiven Empfinden der Vergesslichkeit gelten Schlafstörungen als mögliches Frühsymptom. Mehrere Studien haben auch Korrelationen der neurodegenerativen Erkrankung mit neuropsychiatrischen Symptomen wie Depression und Angst gezeigt. Allerdings ist nicht ausreichend geklärt, ob solche Symptome eher eine Folge der neurodegenerativen Erkrankung sind, oder selbst die Krankheitsentwicklung fördern.

Design 

Post-Mortem-Studie mit 455 Gehirnen von Menschen, die entweder keine neurodegenerativen Veränderungen, oder typische Alzheimer-Veränderungen (Tau-Fibrillen und Beta-Amyloid-Ablagerungen) hatten. Anhand der Tau- und Amyloid-Befunde wurde das Erkrankungsstadium (Braak- und CERAD-Klassifikation) definiert. Informationen zu klinischen Symptomen in den Monaten vor dem Tod erhielten die Wissenschaftler durch Angehörige und Pflegekräfte. 

Hauptergebnisse

Die Computer-gestützte Analyse der neuropathologischen und der klinischen Befunde ergab, dass bei Menschen mit den frühesten Tau-Ablagerungen (Hirnstamm), aber ohne Gedächtnisstörungen vermehrt neuropsychiatrische Symptome wie Depressionen, Angst- , Ess- und Schlafstörungen und starke Unruhe auftraten. 

Erst in morphologisch späten Stadien der Ablagerungen von Tau-Fibrillen (Braak V - VI) seien kognitive Defizite und auch Wahnvorstellungen aufgetreten. Einen Zusammenhang zwischen Amyloid-Plaques und den neuropsychiatrischen Symptomen stellten die Wissenschaftler nicht fest. 

Klinische Bedeutung

Die Studie zeigt, dass bereits die frühe subkortikale Akkumulation von Tau-Fibrillen mit neuropschiatrischen Symptomen einhergehen kann, und in Kombination mit nur minimaler Cortex-Beteiligung die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen kann.  Das Auftreten solcher neuropsychiatrischer Symptome könne zur Frühdiagnose der Demenz-Erkrankung beitragen, schlussfolgern die Wissenschaftler. Die Befunde könnten außerdem für die Entwicklung wirksamer Therapien genutzt werden. Die Ergebnisse sprechen nach Angaben der Autoren auch dafür, verstärkt nach Therapien gegen die frühe Akkumulation abnormer Tau-Proteine zu suchen, da vermutlich dies die treibende Kraft in dem neurodegenerativen Prozess sei.

Finanzierung: National Institutes of Health, John Douglas French Alzheimer’s Foundation, Alzheimer’s Association, São Paulo Research Foundation (FAPESP) und andere.