Molekularbiologen identifizieren geschlechtsspezifische Unterschiede beim Glioblastom


  • Michael Simm
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Glioblastome von Männern und Frauen haben unterschiedliche molekulare Signaturen, die das differentielle Ansprechen auf die Therapie und die unterschiedlichen Überlebenschancen zwischen den Geschlechtern erklären können - zumindest teilweise.

Hintergrund

Verschiedene Krebs- und andere Erkrankungen kommen bei Männern und Frauen unterschiedlich häufig vor; auch sind die Behandlungschancen häufig unterschiedlich gut. Ein besseres Verständnis der zugrunde liegenden molekularen Ursachen bietet die Chance, mit geschlechtsspezifischen bzw. -adaptierten Therapien bessere Ergebnisse zu erzielen.

Design

Zwar sind die Unterschiede zwischen den Geschlechtern in der Inzidenz des Glioblastoms gut belegt, und es gibt mehrere Hinweise auf Differenzen beim Therapieerfolg. Allerdings fehlten bislang Erkenntnisse über Unterschiede auf molekularer Ebene, die als Angriffspunkte für eine Therapie dienen könnten. Hier wurde zunächst das Ansprechen auf die Standardtherapie (Operation, Bestrahlung und Temozolomid) bei 40 Männern und 23 Frauen per Bildgebung quantifiziert, und dann mittels eines Computeralgorithmus nach Zusammenhängen mit der Art und Menge abgelesener Gene (dem Transkriptom) in den beiden Gruppen gesucht.

Hauptergebnisse

  • Die aus drei seriellen MRT-Aufnahmen während der Erhaltungstherapie mit Temozolomid im Abstand von jeweils 2 Monaten berechnete Geschwindigkeit des radialen Tumorwachstums nahm bei den Frauen im Durchschnitt ab, bei den Männern dagegen nicht.
  • Anhand der Geschwindigkeit des Tumorwachstums konnten Frauen in zwei Gruppen mit besseren und schlechteren Überlebenschancen unterschieden werden: Jene mit anfänglich langsamerem Tumorwachstum überlebten median 3090 Tage, bei schnellerem Tumorwachstum waren es median 681 Tage (P = 0,008). Bei Männern betrug das mediane Überleben in den entsprechenden Gruppen 1111 Tage gegenüber 533 Tagen – ein Unterschied, der allerdings statistisch nicht signifikant war (P = 0,263).
  • Mit Daten des Cancer Genome Atlas und anderer Register wurden die Transkriptome männlicher und weiblicher Glioblastom-Patienten separat untersucht und verglichen. Es fanden sich 177 Gene, die ein männliches Expressionsmuster beim Glioblastom charakterisieren gegenüber 167 solcher Gene bei Frauen. Weitere 116 Gene spielen bei beiden Geschlechtern eine Rolle.
  • Für Männer und Frauen wurden jeweils 5 Gruppen von Genen (Cluster) identifiziert, die Subtypen in der Transkription charakterisieren und mit unterschiedlichen Verläufen des Überlebens einhergehen. Beispielsweise überlebten Frauen in einem der Cluster durchschnittlich mehr als 3 Jahre gegenüber nur wenig mehr als 1 Jahr in den anderen Clustern. Bei den Männern hatten Patienten mit einem der Cluster eine durchschnittliche Überlebenszeit von ca. 18 Monaten, die anderen nur wenig mehr als 12 Monate.
  • Eine Funktionsanalyse zeigte schließlich, dass das Überleben bei Männern in starkem Maße mit der Transkription von Genen korreliert, welche an der Zellteilung mitwirken. Bei Frauen waren es dagegen Gene, die am invasiven Zellwachstum beteiligt waren.  Die unterschiedliche Regulation von Sexualhormonen bei Mann und Frau hatten offenbar keinen Einfluss auf die Differenzen.

Klinische Bedeutung

„Wir erwarten, dass diese Studie einen unmittelbaren Einfluss auf die Betreuung von Patienten mit Glioblastomen haben könnte...“, sagte Senior-Autor Professor Joshua B. Rubin von der Washington University in einer Pressemitteilung. Die Befunde weisen demnach darauf hin, dass Männer und Frauen in verschiedene Risikogruppen stratifiziert werden sollten, und die Wirksamkeit der Therapie nach Geschlechtern getrennt ausgewertet werden müsste.

Finanzierung: National Institutes of Health und private Stiftungen.