Möglichst sicher heraus aus der ersten COVID-19-Welle: eine Folgenabschätzung

  • Lancet Public Health

  • von Dr. Nicola Siegmund-Schultze
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

China, die USA und viele europäische Länder wie Deutschland wirken der ersten großen Epidemiewelle durch SARS-CoV-2 derzeit mit deutlichen Einschränkungen sozialer Kontakte entgegen. Und alle fragen sich, wann Lockerungen dieser Einschränkungen vertretbar sind. Britische Forscher haben ein Modell entwickelt, um die Folgen abzuschätzen. Das Modell kann jedes Land anwenden, und die Ergebnisse sind für verschiedene Altersgruppen differenzierbar. Für China ist das Fazit: Wenn die Menschen erst im April wieder arbeiten dürften und nicht - wie geplant - noch im März, würde sich die zweite Welle von Mitte August auf Mitte Oktober verschieben und ihr Peak wäre deutlich niedriger.

Hintergrund

Für die Pandemie durch das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 lässt sich schon heute feststellen: Sie ist eine der schwersten, die es seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts gegeben hat. Nach den ersten Ausbreitungswellen, die die meisten Länder derzeit erleben, wird es Folgewellen geben, das gilt als sicher. Auf Basis realer Daten aus China haben britische Forscher ein mathematisches Modell entwickelt, damit Länder abschätzen können, welche Konsequenzen eine Lockerung sozialer Einschränkungen auf den Verlauf nachfolgender Epidemiewellen haben wird (1).

Design

  • Entwicklung eines Modells zur Vorhersage der Ausbreitung eines viralen Krankheitserregers unter besonderer Berücksichtigung von
    • sozialen Kontakten und
    • verschiedenen Altersgruppen
  • Basis für die Entwicklung des Modells waren Parameter, die sich in China gut erheben ließen
  • Simulation von Folgewellen nach der ersten Epidemiewelle

Hauptergebnisse
Das Modell zur Vorhersage weiterer Ausbreitungswellen von COVID-19 beruht auf den infektiologischen Merkmalen

  • anfällig für die Erkrankung
  • Erreger-exponiert
  • infiziert und
  • von COVID-19 genesen oder nicht mehr infektiös.

Es werden benötigt

  • die Übertragungsrate des Erregers,
  • die Zahl der normalen Kontakte von Menschen innerhalb einer bestimmten Altersgruppe,
  • die Wahrscheinlichkeit einer Person pro Tag, sich anzustecken und
  • die Wahrscheinlichkeit einer Person pro Tag, sich davon zu erholen

Die Werte für diese Parameter ließen sich in China feststellen.

Daraus ergab sich die Vorhersage:

  • Wenn eine Rückkehr zur Arbeit vom März auf die ersten Wochen im April verlegt wird, reduzieren sich die Infektionsraten im August um 92 % und bis zum Ende des Jahres um 24 %.
  • Auch nur etwas frühere Lockerungen von Kontakteinschränkungen hätten damit große Wirkung auf nachfolgende Epidemiewellen.

Klinische Bedeutung
Von China lernen, müsse international das Motto sein, so der begleitende Kommentar zur Entwicklung des Vorhersagemodells durch britische Forscher (2). Modelle wie dieses müssten aktuell genutzt werden, damit Länder einen sicheren Weg herausfänden aus einer großen Epidemie. Effekte von Einschränkungen oder Lockerungen des sozialen Lebens könnten für die verschiedenen Altersgruppen jeweils aktuell mit dem Modell simuliert werden.

Einschränkungen des Modells allerdings seien, dass sich nicht in jeder Gesellschaft so gut wie in der chinesischen die Werte für die einzelnen Parameter abschätzen lassen. Das gelte zum Beispiel für die Anzahl der Kontakte einzelner Personen in den verschiedenen Altersgruppen, aber auch für die Durchmischung von verschiedenen Altersgruppen miteinander.

Finanzierung: Bill & Melinda Gates Foundation und öffentliche Mittel aus Großbritannien