Mögliche Myopie-Prävention: Lesen von hellem Text auf dunklem Hintergrund


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten

Kernbotschaft

Das Lesen von schwarzem Text auf hellem Hintergrund fördert die Myopieentwicklung, das Lesen von hellem Text auf dunklem Hintergrund wirkt der Myopie entgegen.

Hintergrund

Vor allem in Asien hat die Prävalenz der Myopie stark zugenommen. Auch in den USA und in Europa ist die Sehstörung innerhalb eines halben Jahrhunderts häufiger geworden. Die Gutenberg-Gesundheitsstudie ergab bei mehr als der Hälfte der Hochschul-Absolventen eine Myopie. Es wird befürchtet, dass bis Ende dieses Jahrzehnts weltweit rund 2,5 Milliarden Menschen an der Sehstörung leiden könnten. „Wir sind auf dem Weg zu einer Myopie-Epidemie“, so die Ophthalmologin Padmaja Sankaridurg (Brien Holden Vision Institute in Sydney). 

Als Ursachen der Entwicklung werden seit Jahren außer genetischen Faktoren Umwelteinflüsse diskutiert. Besonders im Verdacht stehen häufiges Lesen und vermehrte Bildschirmarbeit. In den Fokus gerückt ist auch die Dauer der Licht-Exposition im Freien

Untersuchungen Tübinger Wissenschaftler um Professor Frank Schaeffel vom Forschungsinstitut für Augenheilkunde haben dafür auch einen Erklärungsansatz geliefert: Licht stimuliert die Synthese von Dopamin in der Netzhaut; der Neurotransmitter wiederum blockiert die „Verlängerung“ des Augapfels. Nun sind Frank Schaeffel und seine Mitarbeiter Andrea C. Aleman und Min Wang bei ihren Untersuchungen zur Myopie noch einen weiteren Schritt vorangekommen. Sie haben nämlich eine Erklärung dafür gefunden, wie Lesen zur Kurzsichtigkeit führen könnte.

Untersuchungen und Befunde

In der Netzhaut gibt es Zellen, die bewerten, ob in ihrem lichtempfindlichen Bereich die Mitte heller und die Umgebung dunkler ist (ON-Zellen). Andere wiederum bewerten, ob die Mitte dunkler, und die Umgebung heller ist (OFF-Zellen). Während einer normalen Seherfahrung werden beide Typen ähnlich stark gereizt.

Frank Schaeffel hat eine Software entwickelt, die die Reizstärke für ON- und OFF-Zellen in unserer visuellen Welt quantifiziert. Dabei hat sich gezeigt, dass dunkler Text auf hellem Hintergrund hauptsächlich die OFF-Zellen reizt, heller Text auf dunklem Hintergrund hauptsächlich die ON-Zellen. Von früheren Experimenten mit Hühnern und Mäusen war bereits bekannt, dass die Stimulation der ON-Zellen das Augenwachstum eher hemmen, Stimulation der OFF-Zellen es aber verstärken kann.

Mittels der optischen Kohärenztomographie (OCT) kann im lebenden Auge die Dicke der Gewebsschichten genau vermessen werden. Anhand der Veränderung der Dicke der Aderhaut kann vorhergesagt werden, wie das Auge wachsen wird. Wird die Aderhaut dünner, weist das auf die Entwicklung einer Myopie hin, wird sie dicker, bleibt das Augenwachstum gehemmt, es entwickelt sich keine Myopie. 

Alleman, Wang und Schaeffel haben nun Probanden dunklen Text auf hellem Hintergrund lesen lassen sowie hellen Text auf dunklem Hintergrund. Bereits nach 30 Minuten konnten sie mit der OCT messen, dass die Aderhaut dünner wurde, wenn schwarzer Text gelesen wurde, und dicker, wenn Text mit umgekehrtem Kontrast gelesen wurde.

Klinische Bedeutung

Die Befunde der Tübinger Forscher lassen erwarten, dass schwarzer Text auf hellem Hintergrund die Myopieentwicklung fördert, und heller Text auf dunklem Hintergrund die Myopie hingegen hemmt. Den Textkontrast umzukehren, wäre deshalb eine einfach umzusetzende Maßnahme, die Myopieentwicklung aufzuhalten, denn immer mehr Zeit wird beim Arbeiten und Lesen an Computerbildschirmen und Tablets verbracht. Diese Strategie gegen die Entwicklung von Kurzsichtigkeit muss noch verifiziert werden. Dazu haben die Wissenschaftler bereits eine Studie mit Schulkindern geplant. Ihre aktuelle Untersuchung zeigt aber bereits im Experiment, dass die Aderhautdicke sich in beide Richtungen ändern kann: nur durch Lesen mit verschiedenem Textkontrast.

Finanzierung: Europäische Union, Universität Tübingen, China Scholarship Council