Migräne: sehr schmerzhaft, sehr teuer, aber dennoch bagatellisiert?

  • Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e.V.

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Obwohl die Migräne zu den belastendsten Krankheiten gehöre, gebe es weiterhin Defizite in der Versorgung der betroffenen Patienten, kritisiert unter anderen die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e.V. (DMKG). Privatdozentin Dr. Stefanie Förderreuther, Präsidentin der DMKG und Neurologin an der LMU in München: „Migräne wird zu selten ernst genommen und zu häufig bagatellisiert.“ Viele Patienten therapieren sich außerdem lieber selbst. Nicht selten führe das zu Chronifizierung und neuen Kopfschmerzen, erinnert die Deutsche Gesellschaft für Neurologie. Der heutige „World Brain Day“, den die internationale Neurologie-Gesellschaft jedes Jahr ausruft, widmet sich in diesem Jahr daher der Migräne.

Jeder zehnte Deutsche betroffen

Wie Förderreuther sieht auch der Essener Neurologe Prof. Dr. Hans-Christoph Diener Handlungsbedarf, zumal die Prävalenz der Erkrankung steigt. „Besonders besorgniserregend ist die Zunahme der Migräne-Häufigkeit bei jüngeren Menschen, aber auch in allen anderen Altersgruppen hat sich die Zahl der Betroffenen leicht erhöht“, erklärt Diener in einer Mitteilung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. So sei laut dem Arztreport 2017 der Barmer Krankenkasse im Zeitraum von 2005 bis 2015 der Anteil der 18- bis 27-Jährigen mit Kopfschmerzdiagnosen, darunter auch Migräne, um 42 Prozent gestiegen. 

Betrachtet man das Ausmaß der Beeinträchtigung durch eine Erkrankung, so nimmt die Migräne laut der Fachgesellschaft in der Altersgruppe der 15- bis 49-Jährigen den Platz eins ein. Jeder zehnte Deutsche leidet unter der chronischen Krankheit, teilweise schon seit der Kindheit, oft ohne die Diagnose zu kennen und ohne gezielte Therapie. Frauen sind dabei etwa dreimal häufiger betroffen als Männer. In Europa ist die Migräne die neurologische Krankheit, die gemeinsam mit demenziellen Erkrankungen die höchste Krankheitslast (gemessen in DALY, disability-adjusted life years) verursacht. „Wir gehen davon aus, dass die deutsche Wirtschaft jährlich mehr als 30 Millionen Arbeitstage durch Migräne verliert“, so Förderreuther. Das entspricht rund 150.000 Vollzeit-Arbeitskräften, der Einwohnerzahl von Heidelberg. Wenig verwunderlich, dass die Erkrankung zu den häufigsten Gründen für Krankmeldungen gehört. Die dadurch entstehenden indirekten Kosten in Deutschland werden auf etwa 3,5 Milliarden Euro jährlich geschätzt.

Nicht nur Schmerzen

Innerhalb der neurologischen Erkrankungen rangiert Migräne als Ursache für ein Leben mit deutlichen Einschränkungen hinter dem Schlaganfall auf Platz 2. Der Leidensdruck reicht weit über körperliche Symptome hinaus: Die Angst vor Arbeitsplatzverlust wegen häufiger Fehltage oder wegen verminderter Leistungsfähigkeit sowie die Angst vor der nächsten Migräneattacke lasten schwer auf den Patienten und können zu begleitenden Depressionen führen. Knapp die Hälfte der Betroffenen leidet darunter, aufgrund ihrer Migräne Sozial- und Freizeitaktivitäten zu verpassen; beispielsweise bleibt für Kinder und Partner weniger Zeit.

Defizite bei der Prophylaxe

Laut einer Befragung der DMKG wird weniger als der Hälfte (43 Prozent) der Migränepatienten beim Hausarzt oder Internisten zu vorbeugenden Maßnahmen beraten. Selbst beim Neurologen erhielten demnach nur 57 Prozent entsprechende Informationen. Neben der zu geringen Prophylaxe-Rate gibt es weitere Gründe für die Unterversorgung: „Die Migräne spielt sich im Verborgenen ab. Während der Attacke ziehen sich die Betroffenen zurück. Ist sie vorüber, sind die Patienten wieder weitgehend einsatzfähig. Im EEG, CT und Kernspintomogramm finden sich keine Auffälligkeiten, Blutwerte und andere Untersuchungsbefunde sind normal. Ich bin überzeugt, dass das wesentlich dazu beiträgt, dass selbst manche Ärzte die Krankheit unterschätzen“, erklärt Förderreuther.