Mehr Wissenschaft für's Herz als für's Hirn

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In der Medizin gibt es immer wieder Nachrichten, die - streng wissenschaftlich beurteilt - nicht sehr überzeugend sind, aber so schön oder erfreulich, dass sie einfach geglaubt werden müssen, fast unabhängig davon, ob sie zutreffen oder nicht. Und dann gibt es hin und wieder Meldungen, die widersprechen so sehr herrschenden wissenschaftlichen Überzeugungen, dass sie schon verteufelt werden, bevor sich ernsthaft rational mit ihnen auseinandergesetzt wird.

Kardioprotektive Nickerchen

Zu den medizinischen Nachrichten, die mehr das Herz als das Hirn ansprechen und erfreuen, zählt etwa die von den angeblich positiven Effekten des mäßigen Rotwein-Genusses. Eine ähnlich wohltuende Nachricht haben vor wenigen Wochen Wissenschaftler des Universitätskrankenhauses von Lausanne im renommierten Fachblatt „Heart“  verkündet; so sollen ihrer Kohortenstudie zufolge 1 bis 2 Nickerchen pro Woche dazu beitragen können, dass das Herz gesund bleibe. Wie Nickerchen die Herzgesundheit beeinflussen, ist allerdings unklar.

Nicht völlig klar ist auch, was genau ein Nickerchen eigentlich ist, was die optimale Dauer für Herz- und Gefäße  ist, welche Personen am wahrscheinlichsten davon profitieren, ob Männer und Frauen gleichermaßen profitieren und und und. „Wir wissen nicht wirklich viel über Nickerchen", so die kommentierenden Schlafforscher Dr. Yue Leng und Dr. Kristine Yaffe von der Universität von San Francisco. Ihre unvermeidliche Schlussfolgerung:  „Wir müssen noch viel lernen.“ Eine nette Nachricht ist es dennoch.

Langes Leben durch Optimismus

Zu den Meldungen der letzten Wochen, die ebenfalls zu schön sind, um bezweifelt werden zu dürfen, zählt auch die, dass Optimisten länger leben als Pessimisten. Wer stets im Leben optimistisch in die Zukunft blickt, auch dann noch ein halb volles Glas sieht, wenn es fast leer ist, hat größere Chancen, über 85 Jahre alt zu werden, als jene Menschen, für die selbst ein fast volles Glas nur ein leider nicht volles Glas ist. Festgestellt haben diesen Zusammenhang zwischen Optimismus und Lebensdauer Wissenschaftler der Boston University School of Medicine. Auch in diesem Fall ist wissenschaftlich einiges noch unklar, insbesondere wie genau Optimismus Menschen zu einem längeren Leben verhilft. Manche  Untersuchungen deuten darauf hin, dass Optimisten eher in der Lage sind, „Emotionen und Verhalten zu regulieren und sich von Stressfaktoren und Schwierigkeiten effektiver zu erholen", sagte die leitende Autorin Laura Kubzansky, Professorin für Sozial- und Verhaltenswissenschaften. Wahrscheinlich leben Optimisten tendenziell gesünder als Pessimisten. Nicht völlig unwahrscheinlich ist auch, dass die Lebensumstände die Einstellung zum Leben und damit auch die Lebensdauer beeinflussen. Wer etwa  20 Jahre in einem sibirisches Straflager robotten darf, hat wenig Grund, optimistisch in die Zukunft zu blicken, und sicher eine etwas schlechtere Überlebensprognose als jene Glücklichen, die den Winter in St. Moritz und den Sommer auf ihrer schnittigen Jacht verbringen müssen.

Langes Leben durch Gassigehen

Es muss übrigens keine Privatjacht sein; Chancen auf ein langes Leben sollen, so eine weitere, vor allem Tierliebhabern zu Herzen gehende Erkenntnis, auch Hundebesitzer haben. Ergeben hat dies immerhin eine Metaanalyse , also eine in der evidenzbasierten Medizin ganz weit „oben“ angesiedelte „wissenschaftliche“ Untersuchung. Dafür, dass ein Haustier die Gesundheit verbessert, gibt es zudem zahlreiche Erklärungen. So geht das Streicheln mit einer Reduktion der Herzfrequenz und mit Stressabbau einher; wer einen Hund besitzt, bewegt sich regelmäßig an der „frischen Luft“ und stärkt so Herz und Immunsystem. Die Behauptung, dass Haustiere gut für uns sind, scheint wirklich wahr zu sein. Schaut man allerdings etwas genauer hin, werden auch ein paar unangenehme Fakten sichtbar. 

So kann der Tod eines „geliebten“ Haustieres bei „Herrchen“ und „Frauchen“  starke Trauer-Reaktionen hervorrufen, selbst Depressionen sind möglich, die ja für das Herz nicht ungefährlich sein sollen. Außerdem können Haustiere kleine Ungeheuer mit ins Haus bringen, etwa Flöhe und Zecken. Und ob jene Handtaschen- oder Designer-Hündchen, mit denen sich so manche feinen Damen und Herren zu schmücken glauben, ihren Besitzern tatsächlich ein langes Leben bescheren, müsste eh noch bewiesen werden.

Die „Fleisch-Frage"

Überwiegend auf Zustimmung - weil ganz zeitgeist-konform - dürfte auch jene Schlussfolgerung aus einer Beobachtungsstudie stoßen, wonach Vegetarier weniger ischämische Herzerkrankungen erleiden als die Fans von Beef und Blutwurst. Ergeben hat dies eine Studie aus Großbritannien, die sogar im „Britischen Ärzteblatt" erschienen ist.  

Es gibt natürlich auch Studien, deren Ergebnisse dem Zeitgeist widersprechen und so den Widerspruchsgeist einer großen Community wecken. Auch die Wissenschaft war nie und ist auch heute nicht ganz frei von einer Tendenz weg zur Meinungseinfalt ersetzt worden. Anders formuliert: Auch in der Wissenschaft feiern die  meisten Leute Weihnachten, weil die meisten Leute Weihnachten feiern. Ein aktuelles Beispiel dafür sind Studien-Daten, nach denen rotes und verarbeitetes Fleisch möglicherweise doch nicht so ungesund ist wie seit Jahren angenommen und verkündet. Gemeldet haben dies mehrere Wissenschaftler um den kanadischen Epidemiologen Professor Dr. Bradley C. Johnston (Dalhousie University Halifax) im Rahmen einer Artikel-Serie in den „Annals of Internal Medicine“.

Das stieß erwartungsgemäß nicht auf große Gegenliebe; die Chefredakteurin der Fachzeitschrift wurde sogar aufgefordert, die Artikel-Serie zurückzuziehen. Dabei hatten die Wissenschaftler um Johnston im Wesentlichen mit der keineswegs so falschen Erkenntnis argumentiert, dass die Studienlage, nach denen rotes Fleisch ungesund sei, recht dürftig ist, was bei Ernährungs-Themen generell nicht sonderlich ungewöhnlich ist und auch kaum noch überraschen kann.   

Dies gilt auch für die Art der Kritik, die dann gegen Johnston ins Feld geführt wurde: Er habe nämlich, wie die „New York Times" meldete, einen Interessenkonflikt, den er nicht offenbart habe. Konkret: Johnston soll nicht angegeben haben, dass er vor wenigen Jahren eine ähnliche Studie durchgeführt hatte, in der versucht worden sei, die internationalen Gesundheitsrichtlinien zu diskreditieren, die den Menschen raten, ihren Zucker-Konsum zu reduzieren. Bezahlt worden sei diese Studie, die auch in den „Annals of Internal Medicine“ veröffentlicht wurde, vom International Life Sciences Institute  (ILSI), einer Lobbyorganisation, die größtenteils von Agrar-, Lebensmittel- und Pharmaunternehmen unterstützt werde und zu deren Mitgliedern unter anderen McDonald's, Coca-Cola und der Rindfleischverarbeiter Cargill gehörten. 

Dr. Christine Laine, Chefredakteurin der „Annals of Internal Medicine", soll laut „New York Times" dazu allerdings darauf hingewiesen haben, dass Menschen auf beiden Seiten der Fleischfrage Interessenkonflikte hätten. Laine: „Viele der Leute, die diese Artikel kritisieren, haben viele Interessenkonflikte, über die sie nicht sprechen. Sie machen Workshops über pflanzliche Diäten, halten Einkehrtage zum Thema Wellness und schreiben Bücher über pflanzliche Diäten. Es gibt Konflikte auf beiden Seiten.“ Weil da was Wahres dran ist, wird die so genannte Fleischfrage wahrscheinlich noch lange das Potenzial haben, die Gelehrten zu entzweien und die Gemüter ein wenig zu erhitzen. Auch Wissenschaft muss eben Unterhaltungswert haben.