Medscape-Report: Was Ärzte in der Corona-Krise psychisch belastet und wie ihnen zu helfen ist

  • Claudia Gottschling

  • Dr. med. Thomas Kron
  • Aktuelles by Medscape
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Wir sollten uns um die Ärzte sorgen. Ihr Beruf kann krankmachen – mehr als je zuvor. Nicht nur, weil sich Kollegen mit SARS-CoV-2 infizieren. Generell hat sich die Arbeitssituation für viele Mediziner durch die Corona-Pandemie verschärft. 

Genau wie alle anderen Menschen weltweit plagt Ärzte die Verunsicherung über die ständig veränderten Verhaltensregeln und Arbeitsabläufe. Die Zukunft ist unsicher. Das Vertrauen auf einen Impfstoff als Allheilmittel gegen die Pandemie ist sehr wahrscheinlich zu naiv gedacht. Das verursacht zusätzlichen Psychostress. Diese zunehmenden Belastungen für Ärzte zeichnen sich deutlich ab in der neuen Medscape-Umfrage zu Burnout, Depressionen und dem Lebensgefühl von Ärzten in Deutschland. Jeder 2. Arzt gibt an, dass sich sein Gefühl von Überlastung und schlechter Stimmung durch die Krise verstärkt hat. 

Schon in unserer letzten Umfrage zu diesem Thema vor 2 Jahren – also weit vor der Pandemie – zeigte sich, dass 45% der Ärzte unter Symptomen eines Burnouts und/oder einer Depression leiden. Jetzt ist der Anteil noch um 10 Prozentpunkte gestiegen. Das heißt: 55% der Ärzte, die im Zeitraum von Juni bis August 2020 unseren Online-Fragebogen ausgefüllt haben, berichten von Gefühlen körperlicher, emotionaler und mentaler Erschöpfung. Und eine Verbesserung ist im Moment nicht in Sicht – im Gegenteil. 1.130 registrierte Leser haben an unserer (nicht repräsentativen) Umfrage diesmal teilgenommen. 

Für ihre Symptome von Burnout und Depressionen finden Ärzte deutliche Worte. In den Kommentaren der Umfrage äußern Teilnehmer sehr offen und ehrlich, wie Ihre Arbeit ihr gesamtes Leben verändert hat. Ein Anästhesist in einem Krankenhaus erzählt in den Kommentaren zur Umfrage: „Meine Work-Life-Balance ist völlig im Ungleichgewicht. Ich bin im Job hochfunktionell, zu Hause aber überreizt und emotional nicht zugänglich.“ Viele Ärzte geben an, dass sie unter Schlafstörungen leiden, was die Erschöpfung und die nervliche Belastung noch verstärkt. Ein Teufelskreis. Der Medscape-Report zeigt aber auch, wo sich Ärzte Hilfe holen und was sie selbst unternehmen, um den Stress im Job auszugleichen.

Burnout, Depression oder beides?

Mit psychischen Problemen hat mehr als jeder 2. Arzt oder jede 2. Ärztin zu kämpfen. 26% der Mediziner geben an, dass sie manchmal unter depressiven Verstimmungen leiden. 15% haben eher Burnout-Symptome. Und 14% haben sogar beides. In der Summe sind dies 55% der Befragten, die trotz dieser Belastungen jeden Tag ihren Job machen. Die Grenzen zwischen den Krankheitsbildern sind anscheinend auch in den Augen vieler Ärzte fließend. Bezeichnend ist, dass deutlich mehr Frauen (19%) über Burnout-Symptome klagen als Männer (13%) (Daten nicht gezeigt). Und der Anteil jener Kollegen, die beide Krankheitsformen nennen, liegt bei Krankenhausärzten (17%) etwas höher als bei Niedergelassenen (12%).

Einen besorgniserregenden Trend dokumentiert der Vergleich mit der letzten Medscape-Umfrage zum Thema Burnout und Depression. Die Daten wurden vor etwa 2 Jahren erhoben und im Frühjahr 2019 veröffentlicht. Sie zeigen, dass sich die psychische Verfasssung der Ärzte in der Zwischenzeit verschlechtert hat. Damals sagte noch eine knappe Mehrheit von 56% der Befragten, dass sie keine Probleme durch Burnout oder Depressionen haben. Diesmal bezeichneten sich nur noch 45% als symptomfrei. Vor allem der Anteil der Ärzte und Ärztinnen, die an beiden Krankheitsformen leiden, hat zugenommen – von 9% auf 14%. 

Macht der Arztberuf depressiv?

Wo sehen die Kollegen die Ursachen Ihrer psychischen Belastung? Die Antwort überrascht kaum: Ihre Arbeitssituation macht sie krank – das sagen 56% der Ärzte und Ärztinnen, die unter depressiven Symptomen leiden. Auch hier haben anscheinend Klinikärzte das härtere Los gezogen. Fragt man die Teilnehmer, wie sehr ihnen die Arbeit als Arzt zu schaffen macht, sagen 67%, dass der Job stark oder sehr stark dazu beiträgt (Daten nicht dargestellt). Die Niedergelassenen sehen dies nur zu 39% so. 

Mehrere Antworten waren in der Umfrage erlaubt, weil mögliche Ursachen für Depressionen auch gleichzeitig in der Familie, in Liebesbeziehungen oder durch die Gesundheit im Allgemeinen bedingt sein können. Diese Ursachen spielen jedoch mit jeweils rund 10% eine untergeordnete Rolle. 

Ins Bild passt jedoch, dass im Vergleich zur Umfrage im Jahr 2018 der Job nun noch stärker zu den psychischen Problemen beiträgt als damals. Die Ursache der Symptome sahen damals noch 48% der Teilnehmer im Arbeitsleben. Jetzt, 2 Jahre später, schon 56%. Die Liste der Faktoren, die zur schlechten Stimmung beitragen, ist lang. Soziale Isolation – nicht nur durch die Pandemie, sondern auch durch ein zu hohes Arbeitspensum – wird am häufigsten in den Kommentaren genannt. Zusammen mit einer „überbordenden Bürokratie“ und „entmündigenden Verwaltung“. Psychisch belastend finden Ärzte und Ärztinnen aber auch die aussichtslose Praxisübergabe, die Doppelbelastung durch Kinder und Beruf, den „Dauerbeschuss durch Politik und Kassen“ oder die Digitalisierung.

Stressursachen: Papierkram, kein Respekt, Gewinnmaximierung

Die Arbeit im Medizinbetrieb ist das Hauptproblem für die psychisch schlechte Verfassung der Ärzte und Ärztinnen. Aber welche Belastungen bringen die Kollegen an ihre Grenzen? Noch vor den Überstunden (42%) nennen Ärzte die ungeliebten Pflichten zur Verwaltung und Dokumentation ihrer Arbeit (44%). Hier klagen diesmal die Niedergelassenen (59%) mehr als die Klinikärzte (34%). Ärzte in der Praxis sind auch mehr von den Vorgaben der Gesetzgeber gestresst – 46% im Vergleich zu Angestellten im Krankenhaus mit nur 7%.

Die Stressquellen der Klinikärzte sind etwas anders gelagert. Sie fühlen sich stärker belastet, weil sie zu viel Zeit in der Arbeit verbringen – 49% versus 34% bei Niedergelassenen. Noch stärker ist der Unterschied bei der fehlenden Anerkennung und Respekt von der Verwaltung und den Arbeitgebern, aber auch von Kollegen oder Angestellten: 55% in der Klinik versus 11% bei Niedergelassenen. Ein weiterer Klassiker, der Ärzten im Krankenhausbetrieb großen Druck verursacht: Wenn die Geschäftsführung Druck macht und die Gewinnmaximierung über das Patientenwohl geht (47% versus 19%). 

Noch mehr Stress durch Corona

Diese Umfrage zeigt deutlich den Trend auf, dass die psychische Belastung der Ärzte im Vergleich zu den Jahren davor weiter zugenommen hat. Da der Online-Fragebogen kurz nach der Hochphase der 1. Corona-Welle ausgefüllt wurde, konnten die Teilnehmer bereits eine erste Bilanz ziehen: Jeder 2. Arzt sagt, dass sich durch die Pandemie sein Burnout-Gefühl verstärkt hat. 40% der Kollegen und Kolleginnen konnten keine Verschlimmerung durch die Krise feststellen. Für jeden 10. Arzt führte die Krise sogar zu einer Entlastung.

Hilfe gegen Burnout – was sich Ärzte wünschen

Unter den Maßnahmen, die ihre Belastung abmildern könnten, wählte jeder 3. Mediziner mehr Respekt sowie Autonomie, um die eigenen Vorstellungen von einer guten Medizin zu verwirklichen. Dazu gehören auch weniger Vorschriften der Gesetzgeber.

Für jeden Kollegen sind die Probleme, die ihn im Job überfordern, ein bisschen anders gelagert. Interessant sind daher auch die Auswertungen der Subgruppen: Beim Geld melden sich eher die Hausärzte (56% vs. 28% der Spezialisten) und generell die Niedergelassenen (52% vs. 19% bei Klinikärzten) zu Wort. Mehr als der Hälfte würde eine bessere Bezahlung Druck wegnehmen. Auch abgespeckte Regeln sehen zum Beispiel vor allem die Hausärzte als Burnout-Gegenmittel (60%).

Der Stress mit der Verwaltung und im Team ist dagegen, wie zu erwarten, vorrangig ein Thema der Klinikärzte. Vor allem sie wünschen sich mehr Respekt (52% versus 8% bei Niedergelassenen) von ihren Arbeitgebern und Kollegen. Den Klinikärzten (41% vs. 16% bei Niedergelassenen) würde helfen, wenn sie bei der Behandlung ihrer Patienten nicht dauernd aufs Geld schauen müssten. Auch die jungen Ärzte in der Facharztausbildung haben besondere Anliegen: Mehr als jeder 2. unter ihnen wünscht sich weniger Patientenzahlen. Viele der Assistenzärzte (42%) hoffen auch auf flexiblere Arbeitszeiten, weil manche schon Familie haben. 

Burnout – so helfen sich Ärzte selbst

Wer einen Burnout erlebt, versucht natürlich auch selbst, seine Psyche zu stabilisieren: Jeder 4. Arzt oder jede 4. Ärztin hat die Arbeitszeit reduziert. An 2. Stelle steht eine andere logische Konsequenz: Die Arbeit muss anders organisiert werden (22%). Diesen Weg haben vor allem die Hausärzte (48% vs. 16 % der Spezialisten) als Ausweg gewählt. Sie stellen auch häufiger zusätzliches Personal ein (20% versus 3%). In einer Praxis könnten Ärzte so direkter eine Stressreduktion erreichen als in der Klinik, wo Personalmangel nicht so leicht zu beheben ist. Manchmal hilft am besten ein Jobwechsel (13%). Das sehen vor allem junge Mediziner unter 45 Jahren und jene in der Facharztausbildung so. 

Die Umfrage zeigt aber auch, dass die Hälfte der Teilnehmer anscheinend andere Ideen haben, mit denen Sie ihren Burnout bekämpfen. Eine Neurologin im Klinikbereich erzählt: „Ich habe versucht, mit meinen Vorgesetzten zu sprechen und meine Arbeitszeit zu reduzieren. Leider ohne Erfolg.“ Ein Kollege hat mit einem Coach daran gearbeitet, sich besser abzugrenzen.

Therapie? Mach ich selber!

Ärzte tun sich anscheinend schwer, selbst Hilfe zu suchen, vor allem wenn Sie psychische Probleme haben. Fast jeder 2. Kollege kämpft mit Symptomen eines Burnouts und/oder einer Depression, aber 66% der Betroffenen haben sich bisher keine Hilfe gesucht. Immerhin sind 5% auf der Suche und 6% denken darüber nach, sich durch Experten unterstützen zu lassen. 

Aber warum so zögerlich, wo Ärzte doch ihre Patienten ständig an Spezialisten überweisen? 38% der Betroffenen halten ihre Symptome für nicht gravierend genug. Jeder 3. Kollege ist zu beschäftigt, um sich um seine überlastete Psyche zu kümmern – ein Teufelskreis. Die häufigste Antwort lautet (42%): „Ich kann mir selbst helfen!“ Wenigstens stellt nur jeder 10. Arzt die Kunst der Therapeuten in Frage. 

Ein Hausarzt nennt diesen Grund, warum er keine Hilfe sucht: „Ein Psychotherapeut kann die schlechten berufspolitischen Arbeits- und Rahmenbedingungen, die für meinen Burnout verantwortlich sind, auch nicht ändern.

Hilfe! Wer holt mich raus?

Jene Ärzte, die unter Burnout und Depressionen leiden und sich helfen lassen wollen, vertrauen auf Profis. 42% der Betroffenen suchen einen Psychologen oder Therapeuten auf. 13% gehen zu einem Kollegen mit psychotherapeutischer Zusatzausbildung (21%) oder einen Psychiater (13%).  Nur jeder 6. wendet sich an einen Coach oder Berater. Auf Freunde und Kollegen baut jeder 10. Teilnehmer dieser Umfrage, wenn er Linderung seiner Symptome sucht.

 

Der vollständige, hier in Auszügen dargestellte Report ist erschienen auf medscape.de.