Medizin und Politik in Zeiten von Corona

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Dass Medizin und Politik ein mehr oder weniger inniges Verhältnis miteinander pflegen, hat schon im 19. Jahrhundert der Pathologe und Politiker Rudolf Virchow gewusst. Wie unzertrennlich sie sind, machen gegenwärtig die aktuelle Corona-Pandemie und der Umgang damit besonders deutlich. 

Das Virus und das „Starke-Mann-Syndrom“

Das Coronavirus habe die Politik befallen, schrieb zum Beispiel der Publizist Gabor Steingart bereits im März dieses Jahres. Weltweit seien die Symptome einer Krankheit zu beobachten, die von Experten als das „Starke-Mann-Syndrom“ bezeichnet werde. „Wir sind im Krieg“,  soll Emmanuel Macron seinen Landsleuten zugerufen haben. Donald Trump, der zunächst wider besseren Wissens die Gefährlichkeit des Virus heruntergespielt haben soll, habe schließlich den „nationalen Notstand“ ausgerufen. Und in Deutschland hat sich laut Steingart vor allem Markus Söder „als furchtloser Corona-Kämpfer“ hervor getan.

Leider haben, wie inzwischen klar ist, die markigen Worte das Coronavirus nur wenig beeindruckt. In Frankreich sind die Infektionszahlen wieder enorm gestiegen, die USA haben eine extrem hohe Zahl an Infizierten und vor allem COVID-19-assoziierten Todesfällen (mehr als 190.000 Menschen). Und Bayerns Ministerpräsident hat bekanntlich ein paar Peinlichkeiten in Gestalt verschlampter Testresultate erleiden dürfen. 

Putins Impfstoff

Dass die Corona-Pandemie keine Angelegenheit allein für Wissenschaftler in Elfenbeintürmen ist, hat kürzlich auch Wladimir Putin bestätigt, als er, wie berichtet, nicht ohne Eigeninteresse der russischen Bevölkerung und der Weltöffentlichkeit die Zulassung eines in Russland entwickelten Impfstoffes gegen das Coronavirus verkündet hat. Der Impfstoff sei effektiv, sicher und verträglich, behauptete der Kreml-Chef. Sogar eine seiner Töchter habe sich impfen lassen und die Impfung gut vertragen. Das Vorgehen von Russland wurde international von Wissenschaftlern als übereilt und riskant kritisiert, da der Impfstoff - anders als von Putin behauptet - noch nicht ausreichend geprüft sei. Aber der mächtige Mann in Moskau zählt kaum zu jenen Zeitgenossen, die sich kritische Worte sehr zu Herzen nehmen. 

Ein übergriffiger Präsident

Für besonders tiefe Tiefpunkte im Verhältnis von Medizin und Politik im Sinne von Übergriffigkeit sorgt allerdings nicht Putin, sondern der US-Präsident, persönlich wie auch mit eifriger Unterstützung seiner Fans oder Lakaien in der Administration. Angefangen haben Trumps Übergriffe mit seinen Tweets und Aussagen bei öffentlichen Auftritten zu Desinfektionsmitteln und UV-Strahlen und vor allem zu Hydrochloroquin und Chloroquin als Mittel gegen COVID-19. Dass es für seine Aussagen keine ausreichende wissenschaftlich Grundlage gab, hat Trump nicht davon abgehalten, im Stile eines Jahrmarktschreiers die Reklametrommel zu rühren. Vor wenigen Wochen schwadronierte er dann über die COVID-19-Therapie mit Rekonvaleszenz-Plasma. Anlass war die Notfallgenehmigung für diese Behandlung durch die FDA. Während der FDA-Chef Stephen Hahn zurückhaltend von begrenzten, aber bislang „vielversprechenden" Daten zur Wirksamkeit sprach, feierte Wahlkämpfer Trump die Genehmigung als „historischen Durchbruch“ und die Therapie als unglaublich erfolgreich. 

Aktuell übt der US-Präsident offenbar einigen Druck auf die Impfstoff-Entwickler und beteiligten pharmazeutischen Unternehmen aus - nicht gerade zur Freude von Wissenschaftlern und  Firmen-Bossen. Am besten noch vor der Wahl im November wolle er einen Corona-Impfstoff präsentieren, so kürzlich Julia Kastein vom ARD-Studio Washington. Bei einer Pressekonferenz soll Trump sogar verkündet haben, dass es „irgendwann im Oktober soweit sein könnte“.

Das ging dann selbst den CEOs jener neun Unternehmen zu weit, die Impfstoffe gegen SARS-CoV-2 entwickeln; in einer öffentlichen Stellungnahme haben sie ausdrücklich betont, dass sie selbstverständlich ethische und wissenschaftliche Standards bei der Impfstoff-Entwicklung einhalten und erst dann Zulassungsanträge für ihre experimentellen Vakzine einreichen werden, wenn deren Wirksamkeit und Sicherheit in Phase-3-Studien belegt sind. 

 

Die Übergriffigkeit des unstrittig verhaltensauffälligen US-Präsidenten ist leider nicht auf seine Tweets und Verlautbarungen beschränkt.  Für Druck sorgen laut US-Beiträgen offenbar auch all die Mini-Trumps in der US Administration, nicht selten angeblich Mitarbeiter mit eher wenig Kompetenz, aber ausgeprägten Fähigkeiten zum Opportunismus. So soll einem Bericht des US-amerikanischen Nachrichten-Magazins „Politico“ ein Mitarbeiter des „Department of Health and Human Services“ (HHS) Öffentlichkeitsarbeiter und andere Mitarbeiter der „National Institutes of Health“ instruiert haben, was ihr Chef, Anthony Fauci, bei Pressekonferenzen sagen solle, etwa dazu, wie stark das Coronavirus Kinder gefährde. Die E-Mails dieses Mitarbeiters bestätigten, dass das Weiße Haus und Trump-Mitarbeiter innerhalb des HHS andere Institutionen im Gesundheitswesen dazu drängten, politische Botschaften und nicht wissenschaftliche Fakten zu kommunizieren, schreibt die „Politico“-Autorin Sarah Owermohle. 

Renommierter US-Wissenschaftler klagt an und fordert

Es gibt ein Schweigen, das lügt“, formulierte Victor Hugo. In diesem Sinne hat erfreulicherweise der US-amerikanische Kardiologe, Buchautor und Editor-in-Chief von Medscape Professor Eric J. Topol öffentlich mit deutlichen Worten Stellung zum Umgang des FDA-Chefs (und indirekt des US-Präsidenten) mit wissenschaftlichen Fakten und der Verantwortung für die Bürger der USA genommen. In einem offenen Brief an FDA-Chef Dr. Stephen Michael Hahn erinnert er ihn an das Leitbild der FDA: „Die FDA ist dafür verantwortlich, die öffentliche Gesundheit voranzubringen, indem sie dazu beiträgt, Innovationen zu beschleunigen, Medizinprodukte effektiver, sicherer und erschwinglicher machen. Und indem sie der Öffentlichkeit hilft, genaue, wissenschaftlich fundierte Informationen zu erhalten, die sie zum Gebrauch von Medizinprodukten und Lebensmitteln benötigen, um die Gesundheit zu erhalten bzw. zu verbessern. Der Schwerpunkt liegt hier auf „genauen, wissenschaftlich fundierten Informationen“. Seit Sie am 17. Dezember 2019 vereidigt worden sind, haben Sie mehrfach unter Beweis gestellt, dass Sie bereit sind, von dieser Grundvoraussetzung abzuweichen….Sagen Sie uns, dass Sie in der Lage und würdig sind, diese zentrale Führungsposition einzunehmen, und dass Sie unter keinen Umständen eine SARS-CoV-2-Impfstoffzulassung genehmigen werden, bevor die Phase 3 vollständig abgeschlossen und Daten ausgewertet worden sind. Andernfalls müssen Sie zurücktreten. Wir können die Gesundheit von 330 Millionen Amerikanern nicht einer Person anvertrauen, die Präsident Trumps Launen, beispielloser Förderung unbewiesener Therapien, empörender Lügen und politischer Motivationen unterworfen ist.“

Die Moral der Geschichte

Und was ist nun die Moral der Geschichte? Dass demokratisch legitimierte Politiker und ihre Mitarbeiter grundsätzlich Wissenschaftlern und Medizinern nichts sagen dürften? Das natürlich nicht! Selbstverständlich dürfen und müssen zum Beispiel Gesundheitsminister Wissenschaftlern innerhalb ihres Verantwortungsbereiches Weisungen erteilen können. Entscheidend ist, ob sie dies primär im Interesse und zum Wohl der Bevölkerung tun, für die sie verantwortlich sind, oder allein für ihre persönliche Karriere, ihr Ego oder ihren Geldbeutel.