Masern-Schutz: Fakten sind gut, Impfpflicht ist besser?


  • Dr. med. Thomas Kron
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Ab 1. März 2020 gilt in Deutschland die Impfpflicht für Kindertagesstätten, Schulen, andere Gemeinschaftseinrichtungen, bei der Tagespflege und in Flüchtlingsunterkünften. Kinder müssen ab dann vor der Aufnahme in Kitas oder Schulen gegen Masern geimpft sein. Ob ein gesetzlicher Zwang zielführend sein wird oder nicht, war vor dem Beschluss umstritten und wird es wahrscheinlich auch weiterhin sein. Darüber kann man durchaus unterschiedlicher Meinung sein, wobei die Mehrheit der Bundesbürger in einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov sich, wie gemeldet, für die Impfpflicht ausgesprochen hat.

Konsens müsste hingegen dazu bestehen, dass eine Impfung gegen Masern medizinisch überaus sinnvoll ist. Belege dafür sind erst kürzlich wieder veröffentlicht worden. Danach sind, wie berichtet , Masern noch gefährlicher als bislang angenommen. Den neuen Forschungsbefunden zufolge können die Viren einen Teil des immunologischen Gedächtnisses löschen und so infizierte Personen viele Jahre für Infektionserreger anfällig machen, vor denen sie vor der Infektion geschützt waren.

Laut Dr. Michael Mina (Harvard Medical School u.a.) beseitigten Masernviren in seinen Untersuchungen bis zu 73 Prozent der verschiedenen Antikörper, die eine Person vor Viren- und Bakterienstämmen schützen. „Die Bedrohung der Menschen durch Masern ist viel größer, als wir uns bisher vorgestellt haben",  so der leitende Autor Professor Stephen Elledge (Harvard Medical School und Brigham and Women's Hospital). Ein weiteres Team um Professorin Veronika von Messling (Paul-Ehrlich-Institut und Deutsches Zentrum für Infektionsforschung, Langen) hat in Untersuchungen mit Forschern aus Großbritannien und den Niederlanden herausgefunden, welche Mechanismen zu dieser Immunsuppression führen. Ihren Angaben zufolge fanden sie bei Personen nach Maserninfektionen eine signifikante Zunahme der Mutationsfrequenz in den B-Gedächtniszellen sowie ein verändertes Isotypen(Variations)-Profil. Bei etwa zehn Prozent der mit Masern infizierten Personen in der Untersuchung war die Vielfalt der Immunzellen sogar sehr stark beeinträchtigt. Zudem fand sich eine Verschiebung hin zu immunologisch unreifen B-Zellen, was auf eine beeinträchtigte B-Zellreifung im Knochenmark hinweist.

Auch ihre Ergebnisse bestätigten, dass das Immunsystem nach einer Maserninfektion quasi vergisst, mit welchen Erregern es zuvor in Kontakt gekommen war. Und wer sich gegen Masern impfen lässt, schützt sich daher nicht nur vor einer Infektion mit Masern-Viren, sondern auch vor Infektionen mit Erregern zum Beispiel einer Pneumonie. 

Der große Nutzen der Impfung wird auch keineswegs durch schwere gesundheitliche Schäden zunichte gemacht, wie oft behauptet wurde und teilweise immer noch wird. Insbesondere die Behauptung, die MMR-Impfung könne Autismus verursachen, gilt als längst widerlegt. Weitere Argumente für die Impfung und gegen die Autismus-Hypothese hat erst vor wenigen Monaten eine Studie mit Daten aus Dänemark geliefert („Annals of Internal Medicine). Die Auswertung der Daten von fast 660.000 Kindern ergab in Übereinstimmung mit früheren Studien keine erhöhte Autismus-Rate bei Kindern, die gegen MMR geimpft waren. Dies galt, wie die Autoren betonten, auch für unterschiedliche Subgruppen der Kinder (etwa Kinder mit Risikofaktoren oder Autismus in der Familie). Mit ihrer Studie bekräftigten die dänischen Wissenschaftler Ergebnisse einer Studie, die sie 2002 im „New England Journal of Medicine“  publiziert hatten. Zudem bestätigen sie eine Metaanalyse , in der Daten von mehr als 1.2 Millionen Kinder ausgewertet wurden.

Aus wissenschaftlicher Sicht dürfte die Frage nach der Sicherheit der MMR-Impfung somit erschöpfend beantwortet sein. Aber zum einen sind eingefleischte Impfgegner faktenresistent. Selbst erstklassige Fakten sind nur die „halbe Miete, wenn das Vertrauen fehlt. Zum anderen sind Menschen auch irrationale Wesen, deren Angst vor angeblichen Impfschäden nunmal deutlich größer sein kann als ihre Angst vor Masern. „Angst essen Impfbereitschaft auf? lautete einst die treffende Überschrift eines Beitrags im „Bundesgesundheitsblatt“. Und da in der Regel Appelle wenig bewirken, ist es vielleicht wirklich nicht so falsch, zu versuchen, die Impfbereitschaft per Gesetz zu erhöhen.