Ein Mann mit Kopfschmerzen und mehreren Bohrlöchern im Schädel

  • Dr. med. Thomas Kron
  • Patienten-Fall
Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten. Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten.

Die meisten Kollegen werden vermutlich schon öfter die Klage von Patienten gehört haben, dass ihr Kopfschmerz sie fast umbringe. Eine solche Aussage sollte nicht auf die leichte Schulter genommen werden, wie die folgende Kasuistik eines Mannes zeigt, die Dr. Carsten Babian vom Institut für Rechtsmedizin der Universität Leipzig und seine Kollegen in der Zeitschrift „Rechtsmedizin“ veröffentlicht haben.

Der Patient und seine Geschichte

Wie die Autoren berichten, wurde der 78 Jahre alte Mann im Keller seines Hauses schwer verletzt aufgefunden, mit einem Akkuschrauber und Sechs-Millimeter-Bohrer in der linken Hand und einer Bohrmaschine mit 6,5-er Bohrer in der rechten Hand. Die Bohrer seien mit blutigen Haaren umwickelt gewesen. Ein Abschiedsbrief sei nicht gefunden worden, Kopfschmerzen oder suizidale Äußerungen seien nicht berichtet worden.

Die Befunde

  • Auf der rechten Schädelseite zwei vollständige Bohrlöcher sowie drei lochartige Weichteilverletzungen und auf der linken Kopfseite zwei vollständige Bohrlöcher
  • Computertomogramm: außer den ossären Verletzungen Blutungen beidseitig in die Kopfschwarte, Knochenfragmente innerhalb des Schädels, Blutung unter die harte Hirnhaut, Blutung unter die weiche Hirnhaut, mehrere Knochenfragmente im Bereich der seitlichen Augenhöhlenwand, Verlagerung des rechten Sehnerven sowie Luft in den Weichteilen

Der Verlauf

Nach Aufklärung über die schlechte Prognose habe sich die Ehefrau gegen eine Operation ihres Mannes entschieden. Der 78-Jährige sei nach fünf Tagen gestorben. Bei der neuropathologischen Untersuchung des Gehirns sei unter anderem ein fusiformes Aneurysma (an der A. communicans posterior sinistra) entdeckt worden, allerdings keine Ruptur. Unmittelbare Todesursache war laut Babian und seinen Kollegen ein histologisch bestätigter frischer Myokardinfarkt im Rahmen eines septisch-toxischen Multiorganversagens, ausgehend von einer Lungenentzündung. 

Diskussion

Weder die Sektion, die kriminaltechnischen Untersuchungen am Fundort sowie die molekulargenetischen Untersuchungen der Bohrwerkzeuge hätten Hinweise auf eine "Fremdbeibringung" der Kopfverletzungen geliefert. Außerdem hätten toxikologisch-chemische Untersuchungen einer Blutprobe keine Anhaltspunkte für eine beeinträchtigte Handlungsfähigkeit durch Fremdsubstanzen ergeben. Es könne daher sein, dass der Mann sich alle acht Bohrverletzungen selbst beigebracht habe, erklären Babian und seine Kollegen.

Trotz fehlenden Abschiedsbriefes sei am ehesten von einer Verzweiflungstat des Mannes aufgrund sehr starker Kopfschmerzen auszugehen, berichten sie weiter. Mögliche Ursache: eine durch das Aneurysma ausgelöste Irritation der schmerzempfindlichen Arachnoidea.

Nach Vorliegen aller Untersuchungs- und Ermittlungsergebnisse war dem Rechtsmediziner und seinen Kollegen zufolge somit ser wahrscheinlich von einer heftigen Kopfschmerzattacke ("Vernichtungskopfschmerz“), ausgelöst durch ein kleines, nicht-rupturiertes Aneurysma der A. communicans posterior links, als Anlass der "Selbst-Trepanationen" auszugehen.