Mangel an Organspendern: Hauptursachen liegen in den Kliniken


  • Nicola Siegmund Schultze
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Eine deutschlandweite Analyse von mehr als 100 Millionen Behandlungsfällen der Jahre 2010 bis 2015 ergibt: Die Zahl potenzieller Organspender hat zugenommen, aber Krankenhäuser erkennen und melden sie seltener. Dies und nicht eine abnehmende Zustimmung von Angehörigen potenzieller Organspender waren wesentliche Ursachen für den Abwärtstrend der letzten Jahre.

Hintergrund

Die Zahl der postmortalen Organspender ist in Deutschland seit 2010 bis zum Jahr 2017 fast stetig gesunken: von 1.296 Organspendern im Jahr 2010 auf 797 Organspender im vergangenen Jahr. Da durchschnittlich pro Spender knapp 3,3 Organe entnommen werden, bedeutete dies einen Rückgang um circa 1.500 transplantable Organe in wenigen Jahren und einen historischen Tiefstand bei der postmortalen Organspende in Deutschland. Ein Team aus Klinikern, Statistikern und Mitarbeitern der Deutschen Stiftung Organstransplantation (DSO) hat die Ursachen des Rückgangs für den Zeitraum 2010-2015 genauer analysiert (1).

Design

  • deutschlandweite Sekundärdatenanalyse unter allen vollstationären Behandlungsfällen der Jahre 2010 bis 2015              (n = 112 172 869)
  • Identifizierung derjenigen Todesfälle, bei denen eine Hirnschädigung vorlag und eine Organspende nicht wegen Kontraindikation oder nicht erfolgten Beatmungstherapie ausgeschlossen war

Hauptergebnisse

Im Jahr 2010 gab es 1.296 Organspender nach Hirntod, in Jahr 2015 waren es 877. In diesem Zeitraum hat die Anzahl der möglichen Organspender um 13,9 % zugenommen, nämlich von 23.937 (2010) auf 27.258 (2017). Es sank aber die Anzahl der realisierten Organspenden im selben Zeitraum um 32,3 %.

Dass diese Abnahme in erster Linie klinikinterne Gründe hatte, belegen die organspendebezogenen Kontakte der Kliniken mit der DSO, die die postmortale Organspende koordiniert. Die Zahl der Kontaktaufnahmen sank von 2010 bis 2015 um 18,7 %. Wird eine die Zunahme potenzieller Spender mit berücksichtigt, nahm die Kontaktquote sogar um 28,7 % ab. Diese Entwicklung war noch ausgeprägter in den Universitätskliniken: Hier nahm die Kontaktquote zwischen 2010 und 2015 um 34,1 % ab. Die Zahl potenzieller Organspender nahm zu, weil es mehr Todesfälle durch schwere irreversible Hirnschädigung und mehr Beatmungstherapien gab.

Die Realisierung von potenziellen Organspenden (Realisationsquote) variiert erheblich zwischen 2010 und 2015, aber auch zwischen einzelnen Kliniken. Bei einem zweijährigen DSO-Inhouse-Koordinationsprojekt, an dem mehr als 100 Kliniken teilnahmen, lag die Realisiationsquote bei durchschnittlich 10,2 %, an einzelnen Kliniken bei > 16 %. Basierend auf der Analyse aller vollstationären Behandlungsfälle des Jahres 2015 hätten – unter der Annahme, dass auch im Jahr 2015 eine Realisationsquote von 10,2 % erreichbar gewesen wäre – statt der tatsächlich durchgeführten 877 Organspenden 2 780 Organspenden realisiert werden können. Dies entspräche 33,8 Organspendern pro 1 Million Einwohner, derzeit sind es circa 10 Organspender/1 Million. Hätten nur alle Universitätskliniken 2015 im gleichen Maße Organspenden realisiert wie die Universitätsklinik mit der höchsten Realisationsquote (16,3 %), so wären 2015 allein in dieser Kategorie Krankenhäuser 928 Organspenden realisiert worden: mehr als 2015 in der kompletten Bundesrepublik (877).

Klinische Bedeutung

Eine genaue Analyse, warum die Zahl der Organspender seit 2010 in Deutschland stark abgenommen hat, ergibt: Die Ursachen sind in erster Linie klinikintern zu finden. Zwar war die Ablehnungsquote durch Angehörige von 37,2 % im Jahr 2010 auf 41,5 % im Jahr 2012 gestiegen („Transplantationsskandal“), im weiteren Verlauf aber hatte sich die Zustimmungsrate wieder erhöht. "Nicht mehr die angeblich mangelnde Spendenbereitschaft der Bevölkerung steht damit im Mittelpunkt der Diskussion, sondern die Forderung nach besseren Strukturen und Rahmenbedingungen für die Krankenhäuser", heißt es in einer Pressemitteilung der DSO (2)." Dazu gehören klar definierte Rechte und Pflichten für Transplantationsbeauftragte ebenso wie eine dem Aufwand entsprechende Vergütung der Entnahmekrankenhäuser. Beide Punkte haben die Regierungsparteien bereits in ihren Koalitionsvertrag aufgenommen. Sie sollen im angekündigten Gesetzgebungsverfahren umgesetzt werden."