Magersucht, Bulimie & Binge Eating: Essstörungen in der Hausarztpraxis erkennen


  • Andrea Hertlein
  • Interviews
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Essstörungen wie Magersucht, Bulimie oder die Binge-Eating-Störung gehören zu den häufigsten chronischen und psychischen Erkrankungen. Sie treten typischerweise im Jugendalter auf, werden jedoch häufig erst spät erkannt, diagnostiziert und angemessen behandelt. Über die Rolle des Hausarztes in der Früherkennung und Prävention von Essstörungen sprach Univadis mit Prof. Thomas Huber, Chefarzt der Klinik am Korso, Fachzentrum für gestörtes Essverhalten, in Bad Oeynhausen.



Univadis: Laut der aktuellen Ergebnisse der KiGGS-Studie zeigen rund 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen Symptome einer Essstörung. Warum werden Anzeichen, die auf ein gestörtes Essverhalten deuten, in der Hausarztpraxis häufig „übersehen“?

Thomas Huber: Menschen mit einer Essstörung suchen zwar deutlich häufiger ihren Hausarzt auf als der Durchschnittsbürger, berichten aber selten über ihre Essstörung, schon gar nicht ungefragt. Vielmehr geben sie meist unspezifische Beschwerden an, darunter am häufigsten gastrointestinale Beschwerden im Sinne von Gastritiden sowie Dys- und Amenorrhoe. Gelegentlich kommen sie auch mit der Bitte, Nahrungsmittelallergien zu überprüfen oder äußern Beschwerden, die nicht unbedingt vorliegen, um Laxantien oder Diuretika verschrieben zu bekommen. Ein essgestörter Patient kommt eben nicht in die Hausarztpraxis und sagt: „Ich möchte mit Ihnen über mein Essverhalten reden.“ Deswegen werden Essstörungen häufig erst spät erkannt.

Univadis: Wann sollte der Hausarzt hellhörig werden?

Thomas Huber: Anzeichen, die auf eine Essstörung hindeuten, könnten entweder eine starke Gewichtsabnahme oder starke Gewichtsschwankungen sein. Oder aber, wenn jemand häufig über Sorgen mit der eigenen Figur spricht, etwa ganz normalgewichtig ist, aber sich zu dick fühlt oder umgekehrt untergewichtig ist und dies bagatellisiert. Aufmerksam sollte der Hausarzt auch sein, wenn eine Person, die zuvor ganz offen und freundlich war, plötzlich sehr eingeengt, steif und freudlos wirkt. Auffällig ist auch, wenn eine Patientin oder ein Patient plötzlich häufiger als sonst eine Krankschreibung erbittet. Alles dies sind erste Anzeichen, die in der Summe auf eine Essstörung hinweisen können.

Univadis: Was ist in einem solchen Fall tun?

Thomas Huber: Im idealen Fall nutzt der Arzt einen der kurzen Fragebögen, wie etwa den Eating Attitudes Test, von dem es auch eine Kurzfassung mit 13 Fragen gibt. Der Test fragt die häufigsten Symptome ab, die auf ein riskantes Essverhalten schließen; dazu gehören Essattacken, Erbrechen, zu geringe Kalorienaufnahme, die ständige gedankliche Beschäftigung und emotionale Auseinandersetzung mit Essen sowie die soziale Reflektion von problematischem Essverhalten. Man kann natürlich auch einsteigen, indem man zunächst den Patienten fragt: „Sehen Sie ihr Untergewicht, wenn sie in den Spiegel schauen?“, oder „Sind Sie selbst der Ansicht, dass sie ein Problem mit Essen haben?“ Allerdings muss der Hausarzt damit rechnen, dass es Patienten gibt, die dies nicht offenbaren wollen.

Univadis: Wie sehen die nächsten Schritte aus, wenn sich der Verdacht auf eine Essstörungsproblematik erhärtet?

Thomas Huber: Wenn tatsächlich ein begründeter Verdacht auf eine Essstörung besteht, sollte der Betroffene über den Verdacht des Hausarztes aufgeklärt werden. Viele sagen dann: „Ja, ich weiß, dass ich eine Essstörung habe“. Dann sollte der Arzt dem Betroffenen empfehlen, eine Beratungsstelle aufzusuchen bzw. zum niedergelassen Psychiater oder Psychotherapeuten überweisen. In der Regel ist der Hausarzt - insofern er keine psychotherapeutische Weiterbildung oder Spezialisierung hat - damit überfordert, eine ausführliche Diagnostik und Beratung durchzuführen. Diese kann in einem spezialisierten Rahmen besser erfolgen.

Prinzipiell ist es jedoch gut, mit dem Betroffenen weiterhin in Kontakt zu bleiben. Einen Patienten mit Symptomen einer Essstörung sollte man regelmäßig einbestellen, um das Gewicht zu kontrollieren und über den Verlauf der Behandlung zu sprechen. Liegen schwere klinische Symptome vor, wie etwa sehr starkes Untergewicht, sollte Kontakt mit einer auf Essstörungen spezialisierten stationären Einrichtung erfolgen.

Univadis: Der Hausarzt spielt demnach als primärer Ansprechpartner eine wichtige Rolle?

Thomas Huber: Ja, unbedingt! Klar ist, dass Hausärzte meist die ersten und einzigen Experten sind, die mit gestörtem Essverhalten in Kontakt kommen und Gelegenheit haben, dieses als solches zu erkennen. Für viele Patienten ist es auch sehr entlastend, dass jemand überhaupt merkt, dass sie ein Problem haben und einen Rahmen und eine Hilfestellung bietet. Das kann manchmal tatsächlich der entscheidende Schritt dafür sein, sich zu öffnen und eine Therapie zu beginnen.

Univadis: Führt eine verbesserte Früherkennungsrate auch zu einer besseren Prognose?

Thomas Huber: Ehrlicherweise muss man sagen, dass dies nur schwer beurteilt werden kann, weil es dazu keine doppelblinden Studien gibt. Wenn beispielsweise eine Patientin, die bereits seit fünf Jahren eine Essstörung hat, ohne dass diese diagnostiziert wurde mit einer Patientin verglichen wird, die fünf Monate nach Beginn der Symptomatik in Therapie kommt, dann haben wir natürlich zwei unterschiedliche Patientinnen. Es kann also sein, dass die günstigere Prognose bei früher Behandlung einfach damit zu tun hat, dass diejenigen, die bereit sind frühzeitig etwas gegen ihre Essstörung zu tun, eine bessere Prognose haben. Wir gehen trotzdem davon aus, dass eine möglichst frühzeitige Erkennung und Behandlung für den weiteren Verlauf günstig ist.

Univadis: Wie wirken Präventionsprogramme bei Essstörungen?

Thomas Huber: Die Prävention ist leider ein wenig ernüchternd, wenn man die wissenschaftlichen Daten betrachtet. Es gibt tatsächlich keine Untersuchungen, die Hausärzte in Präventionsprogramme einbezogen haben. Leider! Die Studien, die es dazu gibt, sind ausschließlich Programme, die an Schulen stattgefunden haben. Deswegen wissen wir nur wenig über die präventive Funktion von Hausärzten. Es ist aber auch noch nie nachgewiesen worden, dass ein Präventionsprogramm tatsächlich präventiv wirksam ist. Eine häufig geäußerte Kritik, besteht darin, dass die intensive Beschäftigung mit dem Thema eher animierend wirke und dadurch kontraproduktiv sei.

Univadis: Was würden Sie sich für die Früherkennung von Essstörungen in der hausärztlichen Versorgung wünschen? Wo bestehen Defizite?

Thomas Huber: Offen gestanden würde ich mir wünschen, dass die Kollegen in der hausärztlichen Praxis mehr Zeit zur Verfügung gestellt bekommen, um gerade bei einer Erkrankung, die nicht von alleine preisgegeben wird, auch mal nachzufragen. Wir haben natürlich alle gerne Patienten, die gesund werden wollen und dafür mitarbeiten und das ist bei Essstörungen in frühen Krankheitsstadien oft nicht der Fall. Essgestörte Patienten sind nicht immer einfach, aber es ist auch eine Klientel, bei der sich der Einsatz durchaus sehr lohnt. Ich würde Hausärzten ans Herz legen wollen, im Blick zu haben, Patienten mit Essstörungen empathisch zu begleiten und ihnen ihre Erkrankung nicht vorzuwerfen, und sie aber auch für die eigentliche psychotherapeutische Behandlung an ein spezialisiertes Zentrum zu verweisen.

Univadis bedankt sich bei Herrn Prof. Huber ganz herzlich für das Interview!