Long COVID: Was sind spezifisch neue Symptome, welche schon vorhandenen werden getriggert?

  • Dr. Nicola Siegmund-Schultze
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Eine große Längsschnittstudie ermöglicht, zwischen einem Post-COVID-19-Syndrom und vorbestehenden Beschwerden zu unterscheiden. Danach hat jeder 8. Patient nach mindestens 3 Monaten noch Symptome, die durch COVID-19 getriggert werden, entweder neue, oder bereits bekannte. Zu den COVID-19-spezifischen anhaltenden Beschwerden gehören Kribbeln in den Gliedmaßen und Brustschmerzen, Kopfschmerzen dagegen eher nicht (1).

Hintergrund
Vergleichsweise rasch nach Beginn der COVID-19-Pandemie wurde klar, dass ein Teil der Patienten COVID-19-Symptome anhaltende Beschwerden hat, also Symptome über die Akutphase hinaus. Das Post-COVID-Syndrom, auch Long COVID genannt, ist international definiert als Bestehen von Symptomen für ≥ 12 Wochen (2). Diese Definition ist auch in die deutsche S1-Leitlinie übernommen worden (3). Zur Frage, wie häufig ein Post-COVID-Syndrom vorkommt, differieren die Daten erhelblich. Die Prävalenzen werden bei nicht hospitalisierten Patienten mit 2 % bis 53 % angegeben. Eine aktuelle, bevölkerungsbasierte retrospektive Kohortenstudie aus Deutschland fand eine Prävalenz von 46,2 % (4). In dieser, aber auch in den anderen Untersuchungen gab es allerdings keine Daten zu vorbestehenden Symptomen und keine Kontrollgruppe. Diese Lücke füllt die erste große prospektive Längsschnittstudie aus den Niederlanden (1).

Design

  • Studienform: prospektive, populationsbasierte Kohortenstudie mit Kontrollgruppe
  • Teilnehmer: 76 422 Patienten aus der Lifelines COVID-19-Kohorte der Niederlande, die 883 973 Fragebögen ausgefüllt hatten (Durchschnittsalter: 53,7 Jahre)
  • Erfragte Symptome: 23 somatische Kernsymptome wie Kopfschmerz, Schwindel, Muskel- und Rückenschmerzen, Übelkeit, allgemeine Angeschlagenheit oder Probleme beim Atmen
  • Befragungsfrequenz: alle 2 Wochen
  • Untersuchungsperiode: März 2020 bis August 2021
  • Analysekohorte: 12693 Teilnehmer, davon 4231 SARS-CoV-2 positiv und 8462 gematchte Kontrollen ohne SARS-CoV-2-Infektion

Hauptergebnisse

  • 21,4 % der SARS-CoV-2-positiven Teilnehmer hatten 90 bis 150 Tage nach Diagnose von COVID-19 mindestens ein auffälliges Kernsymptom von moderater Schwere, zugleich bestand bei 8,7 % der Teilnehmer aus der Kontrollgruppe ein solches Kernsymptom im Vergleichszeitraum.
  • Damit ließen sich bei 12,7 % der COVID-19-Patienten - also bei jedem 8. - neue oder sich verschlimmernde Symptome auf die SARS-CoV-2-Infektion zurückführen.
  • Am häufigsten waren Muskel-, Brust-, Rücken- und Kopfschmerzen, Geschmacks- oder Riechstörungen, allgemeine Abgeschlagenheit und Probleme beim Atmen. Ein Wechsel von Wärme- und Kältegefühl war ein Long COVID spezifisches Symptom, ebenso Kribbeln in den Extremitäten und Thoraxschmerz.

Klinische Bedeutung
Die aktuelle Studie habe große Bedeutung, heißt es im Kommentar (5). Zum einen wegen ihres Längsschnittcharakters und zum anderen, weil sie eine Kontrollgruppe habe mit Teilnehmern ohne SARS-CoV-2-Infektion, die ebenfalls während der Pandemie befragt wurden. Diese große und methodisch gute Studie ermögliche damit eine realistische Abschätzung, wie häufig Symptome nach COVID-19 lange anhalten und welche der anhaltenden Beschwerden spezifisch durch COVID-19 ausgelöst werden. Zu den bei COVID-19 neu auftretenden Beschwerden gehören Kribbeln in den Gliedmaßen und Brustschmerzen, Kopfschmerzen dagegen eher nicht.

Die Prävalenz von Long COVID könne bei SARS-CoV-2-geimpften Teilnehmern durchaus geringer sein, so die Kommentatoren.

Finanzierung: öffentliche Mittel