Leistet die HIV-PrEP anderen STI Vorschub? Erste Zahlen aus Deutschland.


  • Dr. Stefanie Reinberger
  • Medizinische Nachrichten
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Kernaussagen

Die Prävalenz für sexuell übertragbare Infektionen (sexuelly transmitted infections, STI) ist bei HIV-negativen Männern, die Sex mit Männern haben (MSM) und eine PrEP einnehmen, signifikant erhöht. Der PrEP-Gebrauch ist demnach ein Risiko für STI und eine Indikation für eine regelmäßige Testung.

Hintergrund

Seit 2016 ist in Deutschland die medikamentöse Präexpositionsprophylaxe (PrEP) zur Vermeidung einer HIV-Transmission zugelassen. Für die Anwendung wird ein zusätzlicher Gebrauch von Kondomen empfohlen. Allerdings ist davon auszugehen, dass ein Grund für die Einnahme der PrEP der Verzicht von Kondomen ist. Es wird daher diskutiert, ob die PrEP ein Risikofaktor für andere STI darstellt. Die vorliegende Untersuchung, durchgeführt im Rahmen der MSM-Screening-Study, analysiert daher, ob unter PrEP tatsächlich vermehrt STI auftreten.

Studiendesign

Im Rahmen der MSM-Screening-Study wurden von 20.2.2018 bis 2.7.2018 insgesamt 2.303 Männer untersucht, die sich selbst als MSM definieren. Bei allen Studienteilnehmern führten die beteiligten Studienzentren ein Screening auf Chlamydia trachomatis, Mycoplasma genitalium, Neisseria gonorrhoeae und Trichomonas vaginalis durch.

Von den Probanden waren 50% HIV-positiv. Die Altersspanne lag zwischen 18 und 71 Jahren, das mediane Alter bei 39. Die Studienteilnehmer wurden zudem zu ihrem Sexualverhalten befragt. Für die Auswertung erfolgte eine Einteilung der Probanden in drei Gruppen: HIV-positive MSM, HIV-negative MSM mit PrEP-Gebrauch und HIV-negative MSM ohne PrEP-Gebrauch.

Hauptergebnisse

  • Die mediane Zahl an Sexpartnern der Probanden in den letzten sechs Monaten betrug fünf.

  • 71,7% der Studienteilnehmer berichteten von kondomlosem Analverkehr (aktiv und/oder passiv) in den letzten sechs Monaten.

  • 43,0% der Probanden gaben an, vor und/oder während des Verkehrs so genannte Partydrogen (Chrystal, Speed, Kokain, Ecstasy, Badesalze/Spice, GBL/GHB) konsumiert zu haben.

  • 27,6% der HIV-negativen MSM nutzten eine HIV-PrEP.

  • 78,9% der Studienteilnehmer hatten nach eigenen Angaben bereits früher eine STI. 32,1% der STI-positiv getesteten Teilnehmer berichteten von STI-spezifischen Symptomen, bevor die STI in der Studie diagnostiziert wurde.

  • Bei 30,1% der Probanden wurde im Rahmen der Studie mindestens eine STI diagnostiziert:

    • bei 17% aller Studienteilnehmer Mycoplasmen;

    • bei 9,9% Chlamydien;

    • bei 8,9% Gonokokken;

    • nur bei insgesamt zwei Probanden wurden Trichomonaden gefunden.

  • 16,7% der STI-positiven Probanden wiesen eine Koinfektion mit mehreren Erregern auf.

  • In der Gesamtprävalenz von STI gab es keine signifikanten Unterschiede zwischen HIV-positiven und HIV-negativen MSM.

  • Deutliche Unterschiede zeigten sich zwischen HIV-negativen MSM mit und ohne PrEP:

    • HIV-negative MSM mit PrEP-Gebrauch hatten mit 40,2% die mit Abstand höchste Gesamt-STI-Prävalenz.

    • HIV-negative MSM ohne PrEP-Gebrauch hatten eine Gesamt-STI-Prävalenz von 25%.

    • Im Vergleich dazu wiesen HIV-positive MSM eine Gesamt-STI-Prävalenz von 29,4% auf.

Klinische Bedeutung

D ie Deutsch-Österreichischen Leitlinien sehen alle drei Monate eine Untersuchung auf Syphilis und alle 3–6 Monate eine Untersuchung au f Chlamydien und Gonokokken vor. Wie die vorliegende Studie bestätigt, ist die PrEP eine wichtige Indikation für eine STI-Testung. Sie zeigt zudem, dass eine hohe Prävalenz von Mycoplasma genitalium besteht und damit auch der zusätzliche Bedarf für eine regelmäßige Untersuchung auf diesen Erreger. Als problematisch sehen die Autoren an, dass die Krankenkassen derzeit die Kosten für eine STI-Untersuchung nur übernehmen, wenn Symptome oder ein begründeter Verdacht vorliegen. Solange die Untersuchung privat zu bezahlen ist, wird sich eine flächendeckende Test-Abdeckung jedoch kaum sicherstellen lassen.

 

Finanzierung

Keine Angaben