Lebenserwartung in Deutschland: teilweise viele vermeidbare Todesfälle

  • Dr. med.Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Die Lebenserwartung der Menschen ist in vielen Regionen Deutschlands deutlich niedriger als in deutschsprachigen Regionen in Österreich, der Schweiz und Italien. Zu diesem Rückstand tragen in einem erheblichen Maße Todesfälle bei, die durch ein besseres Gesundheitsverhalten der Bevölkerung und ein effektiveres Gesundheitssystem vermieden werden könnten. Dies zeigt eine neue Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) mit der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne. Laut einer Mitteilung des BiB liegen erstmals Berechnungen zur vermeidbaren Sterblichkeit für mehr als 100 Regionen im deutschsprachigen Raum vor. Die Ergebnisse der Untersuchung sind im Fachmagazin „Social Science & Medicine“ erschienen.

Deutschland alles andere als ein "Musterschüler" 

Im westeuropäischen Vergleich erreicht Deutschland bei der durchschnittlichen Lebenserwartung nur hintere Ränge. Unter 16 westeuropäischen Ländern belegt die Bundesrepublik bei den Männern Rang 15, bei den Frauen Rang 14. Spitzenreiter bei den Frauen sind Spanien und Frankreich, bei den Männern die Schweiz und Schweden. Wesentliche Ursache für den Rückstand ist eine erhöhte Zahl von Todesfällen aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Zu diesem Ergebnis kam eine im April dieses Jahrespublizierte Studie eines Forschungsteams des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung und des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung.

Mangelnde Effizienz der Gesundheitspolitik

Die Ergebnisse der neuen Studie zeigen nun, „dass die niedrigere Lebenserwartung in Deutschland - und generell im Norden und Osten des deutschsprachigen Raums - wahrscheinlich mit der mangelnden Effizienz der Gesundheitspolitik bei der Sicherstellung einer rechtzeitigen und angemessenen medizinischen Versorgung und bei der Verhinderung risikorelevanten Verhaltens, einschließlich der nicht optimalen Nutzung dieser Leistungen durch die Bevölkerung, zusammenhängt“

Das Konzept der „vermeidbaren Sterblichkeit“ stufe alle diejenigen Todesfälle als „vermeidbar“ ein, die auf Basis des aktuellen Stands des medizinischen Wissens durch Vorbeugung, Früherkennung bzw. eine optimale Behandlung verhinderbar wären, erklären die Autoren. Außer dem Gesundheitssystem spiele bei der effektiven Vorbeugung und Früherkennung auch die Bevölkerung selbst eine wichtige Rolle.

Starke regionale Unterschiede in Deutschland

Die Studie offenbart laut der Mitteilung bei vermeidbaren Sterbefällen ein beträchtliches Nord-Süd- und Ost-West-Gefälle. Demnach verringerten diese die Lebenserwartung besonders stark in Ostdeutschland, vor allem in Vorpommern und Sachsen-Anhalt – und dies trotz großer Fortschritte, die bei der Reduzierung der vermeidbaren Sterblichkeit seit der Wiedervereinigung erreicht worden seien. Aber auch einige von wirtschaftlichem Strukturwandel geprägte Regionen in Westdeutschland wie Ostfriesland, das Ruhrgebiet und das Saarland hätten eine ähnlich hohe vermeidbare Sterblichkeit. Die geringste Zahl an vermeidbaren Todesfällen verzeichnen nach Angaben der Wissenschaftler die Schweiz und Südtirol, gefolgt vom Westen Österreichs und dem Süden Deutschlands. In Österreich gebe es ähnlich wie in Deutschland ein Ost-West-Gefälle zuungunsten des Ostens, mit der höchsten vermeidbaren Mortalität in der Landeshauptstadt Wien. Dagegen seien die regionalen Unterschiede in der Schweiz vergleichsweise gering.

Noch Verbesserungspotenzial

Die Ergebnisse dieser Studie deuten nach Angaben der Autoren demnach darauf hin, dass Nord- und Ostdeutschland sowie Ostösterreich bei der adäquaten und rechtzeitigen medizinischen Versorgung und beim Abbau risikorelevanter Verhaltensweisen noch Verbesserungspotenzial hätten.

„Obwohl der Süden Deutschlands mit der Metropolregion München und dem südlichen Baden-Württemberg im innerdeutschen Vergleich relativ gut dasteht, ist die vermeidbare Sterblichkeit in der Schweiz und in Südtirol noch einmal merklich niedriger“, so laut der Mitteilung der Mortalitätsforscher Dr. Michael Mühlichen vom BiB. Dabei sei der Abstand zur Schweiz und Südtirol in den letzten Jahren sogar noch gewachsen. „Insofern besteht in allen Regionen Deutschlands noch Potenzial, vermeidbare Todesfälle zu reduzieren“, so Mühlichen.

Nachholbedarf bei Prävention und Früherkennung 

Deutschland habe aber nicht nur bei vermeidbaren Todesfällen einen Nachholbedarf gegenüber seinen südlichen Nachbarn, heißt es in der Mitteilung weiter. „Auch bei der Sterblichkeit im höheren Alter, vor allem im Zusammenhang mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, zeigen sich Defizite,“ erklärt Dr. Pavel Grigoriev, Mitautor der Studie und Leiter der Forschungsgruppe Mortalität am BiB. Die hohe Zahl an vermeidbaren Todesfällen stehe im Kontrast zu den Ausgaben im Bereich der Gesundheitsversorgung, die pro Kopf im weltweiten Vergleich mit zu den höchsten gehörten.

Die Autoren sehen unter anderem Verbesserungsbedarf bei Präventionsmaßnahmen, um gesundheitsschädigendes Verhalten wie etwa Rauchen oder Alkoholmissbrauch wirkungsvoller einzudämmen. Auch bei der Früherkennung und deren adäquater Inanspruchnahme hinke Deutschland hinterher. Viele Behandlungen setzten spät an, wenn Erkrankungen schon stark fortgeschritten seien. 

Das Konzept der vermeidbaren Todesfälle

Um den Einfluss des Gesundheitsverhaltens der Bevölkerung und des Gesundheitssystems auf die Sterblichkeit zu messen, werde in der Forschung häufig das Konzept der „vermeidbaren Sterblichkeit“ verwendet, erklären die Autoren. Dabei werde zwischen zwei Kategorien unterschieden: „medizinisch vermeidbare“ Todesfälle, die bei angemessener und rechtzeitiger medizinischer Behandlung vermeidbar wären, und „präventiv vermeidbare“, denen durch effiziente Prävention vorgebeugt werden könnte. Die Einstufung erfolge anhand der Todesfälle nach Todesursachen. Da es bei diesem Konzept um „vorzeitige“ Sterbefälle gehe, würden nur Todesfälle im Alter von 0 bis unter 75 Jahren als „vermeidbar“ eingestuft. Der Anteil der vermeidbaren Todesfälle an allen Sterbefällen habe in Deutschland 19% im Zeitraum von 2017 bis 2019 betragen. Dies sei erheblich, wenn beachtet wird, dass ein Großteil der Sterbefälle im Alter ab 75 Jahren erfolgt. Bei Männern sei der Anteil mit 24% höher als bei Frauen mit 13%.