Kurze Notizen und Ratschläge von Prof. Dr. J. Rockstroh zu COVID-19 Teil 4: FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG


  • Ana ŠARIĆ
  • Univadis
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Prof. Dr. Jürgen Rockstroh, Spezialist für Infektionskrankheiten und derzeitiger Präsident der European AIDS Clinical Society führt uns durch das aktuelle Wissen über SARS-CoV-2: Forschung und Entwicklung

Lassen Sie uns über Forschung und Entwicklung sprechen und einige Spekulationen, die im Internet kursieren. Natürlich sind neue Forschungsergebnisse und Veröffentlichungen willkommen, sofern sie nicht ohne die übliche Begutachtung durch Fachkollegen publiziert werden. Und dabei wird auch über einige HIV- und andere antivirale Medikamenten diskutiert, die möglicherweise auch gegen SARS-CoV-2 eine gewisse antivirale Aktivität haben. Der Bedarf an der Entwicklung von Medikamenten ist groß, aber man kann die Dinge nicht zu schnell vorantreiben.

Die erste randomisierte klinische Studie mit Lopinavir-Ritonavir hat bei 199 stationären Erwachsenen mit schwerem COVID-19 keinen Nutzen gegenüber der Standardbehandlung ergeben. Eine Argumentation ist nun, dass Virostatika möglicherweise nur im frühen Krankheitsstadium angewendet werden sollten, um die Viruslast zu senken. In dieser speziellen Studie mit Lopinavir gab es keine Veränderung der Viruslast, aber es gibt In-vitro-Daten, die darauf hindeuten, dass diese Verbindung und auch einige andere Protease-Inhibitoren eine gewisse antivirale Aktivität aufweisen könnten. Andere Studien zeigen, dass es ein weiterer Proteaseinhibitor, Darunavir, sich nicht an die COVID-19-Protease bindet. Die Daten zu diesen HIV-Medikamenten sind also widersprüchlich. Wir können jetzt bestenfalls Patienten im Rahmen klinischer Studien behandeln, um zuverlässige und verwertbare Daten zu sammeln. Die Gefahr, Patienten individuell und außerhalb von klinischen Studien zu behandeln, besteht darin, dass wir dann aufgrund des Fehlens einer Kontrollgruppe oder einer randomisierten Studie nie sagen können, ob der Nutzen oder das negative Ergebnis einer bestimmten Intervention mit dem verabreichten Medikament zusammenhängt, ob es sich dabei nur um die spontane Entwicklung des Krankheitsverlaufs handelt.

Eine kürzlich durchgeführte Fallserie zu Hydrochloroquin mit oder ohne Azithromycin konnte trotz in-vitro-Hemmung von SARS-CoV-2 aus methodischen Gründen keinen klaren klinischen Nutzen nachweisen. In einem Krankenhaus wurden Patienten behandelt, in einem anderen nicht. Es war also keine echte randomisierte Studie. Außerdem waren die Basischarakteristika der beiden Patientengruppen völlig unterschiedlich, zum Beispel das Alter. Zwar senkte die Medikation offenbar die Viruslast, aber es blieb unklar, ob dies Einfluss auf das klinische Ergebnis hatte. Eine kleine randomisierte klinische Studie zeigte Trends für eine kürzere Zeit bis zur klinischen Genesung und eine kurzfristige radiologische Verbesserung mit Hydroxychloroquin, während eine andere keinen Nutzen in Bezug auf die Virusfreisetzung und die klinischen radiologischen Endpunkte zeigte, so dass die Daten für dieses spezielle Medikament widersprüchlich waren. Trotz fehlender Belege der Wirksamkeit hat die amerikan ische Arzneimittelbehörde FDA eine Notfallgenehmigung erteilt, um die Verwendung von Hydroxychloroquin und Chloroquinprodukten für bestimmte hospitalisierte Patienten mit COVID-19 zu erlauben, solange die Ergebnisse von randomisierten Studien nicht vorliegen. Ich persönlich bin der Meinung, dass randomisierte Studien zum jetzigen Zeitpunkt die bevorzugte Strategie sind.

Ein weiterer potenzieller Arzneimittelkandidat für die Behandlung mit COVID-19 ist Remedesivir, das ursprünglich für die Ebola-Therapie entwickelt wurde. Nun ist Remedesivir interessant, weil es eine breite antivirale In-vitro-Aktivität gegen SARS-CoV-2 hat, und es gab einige erste Berichte über COVID-19-Patienten, die mit Remedesivir behandelt wurden, die auf einen potenziellen klinischen Nutzen hindeuten. Aber auch dies sind Fallberichte. Es laufen aber glücklicherweise aktuell viele klinische Studien und so werden wir in den nächsten zwei oder drei Wochen sicher erste klinische Ergebnisse haben, die helfen, Remedesivir in dieser Indikation einzuschätzen.

Für Menschen mit HIV-Infektion ist wichtig zu wissen, dass es bislang keine Daten gibt, die einen Wechsel der üblichen antiviralen Medikation rechtfertigen würden. Und es gibt auch keine Hinweise dafür, dass es sinnvoll ist für HIV-negative Patienten, außerhalb einer Prä-Expositions-Prophylaxe antivirale Mittel einzunehmen, um eine Infektion mit HIV zu verhindern.

Lassen Sie mich noch einige allgemeine Anmerkungen machen. Es ist wichtig für Ärztinnen und Ärzte, mit Kolleginnen und Kollegen zu sprechen, die viele Patienten gesehen haben. Man lernt dadurch viel. Zum Beispiel, dass einige Patienten, die Symptome von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und den Verdacht auf einen Herzinfarkt haben oder auf einen Schlaganfall, an COVID-19 erkrankt sein können. Solche Fälle gibt es. Es kann bei COVID-19 also auch einige andere Krankheitsmanifestationen geben als die typischen, zum Beispiel am Herzen. Denken Sie also auch an COVID bei diesen Patienten und sprechen Sie mit Menschen, die Erfahrung mit einer Intensivtherapie haben, insbesondere  Beatmungstherapien. Denn es stellt sich heraus, dass bestimmte Dinge wie die Bauchlage des Patienten wichtig sind, um das Ergebnis der Beatmungstherapie zu verbessern.

In Bezug auf Medikamente und die Entwicklung von Impfstoffen ist derzeit sehr viel in Arbeit. Es wird aber nicht schon morgen etwas für den Einsatz zur Verfügung stehen. Deshalb ist es  wichtig, dass wir die Epidemie eindämmen und sicherstellen, dass unsere medizinischen Systeme nicht zusammenbrechen. Und je mehr wir die Epidemie eindämmen können, desto erfolgreicher wird eine spätere Impfstoff-Intervention sein, wenn es sie gibt, oder eine potenzielle Behandlung. Denken Sie bitte daran. Ich hoffe, dass Sie alle gesund bleiben, und ich danke Ihnen.