Kurze Notizen und Ratschläge von Prof. Dr. J. Rockstroh zu COVID-19 Teil 1: VIROLOGIE


  • Ana ŠARIĆ
  • Univadis
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Prof. Dr. Jürgen Rockstroh, Spezialist für Infektionskrankheiten und derzeitiger Präsident der European AIDS Clinical Society führt uns durch das aktuelle Wissen über SARS-CoV-2: Virologie.

Hallo, mein Name ist Jürgen Rockstroh. Ich bin Arzt für Infektionskrankheiten an der Medizinischen Universitätsklinik in Bonn, Deutschland. Ich möchte über einige  aktuelle Themen rund um die jüngste COVID-19-Epidemie sprechen.

Coronaviren sind eine große Familie von Viren, die bei Tieren oder Menschen Krankheiten verursachen können. COVID-19 ist der Name für die Infektionskrankheit, die durch das kürzlich neu entdeckte Coronavirus SARS-CoV-2 verursacht wird. Das neue Virus und diese Krankheit waren vor Beginn des Ausbruchs in Wuhan, China, Ende Dezember 2019 wirklich völlig unbekannt. Wir lernen derzeit viel.

Bei der Inkubationszeit deuten die meisten Studien bisher darauf hin, dass die Zeit zwischen Exposition bis zum Ausbruch der Symptome etwa fünf Tage beträgt. Es gibt aber eine gewisse Bandbreite. Die Symptome können bereits drei Tage nach Exposition auftreten oder erst 13 Tage danach. Deshalb sind diese zwei Wochen, in denen Sie Symptome entwickeln können, für die Selbst-Quarantäne und die Beobachtung wichtig. Das ist ein wesentlicher Untterschied zu anderen Infektionen durch Erkältungsviren oder saisonale Influenza, die eine Inkubationszeit von circa zwei Tagen haben, also deutlich kürzer. Beim SARS-Coronavirus beträgt die Inkubationszeit zwei bis sieben Tage, bei MERS fünf Tage.

Wie breitet sich das neu entdeckte Coronavirus aus? Vermutlich in erster Linie von Mensch zu Mensch, zum Beispiel zwischen Menschen mit engem Kontakt zueinander. Tröpfchen, die entstehen, wenn eine infizierte Person hustet oder niest, können auf Mund oder Nase von Personen landen, die sich in der Nähe aufhalten oder möglicherweise in ihre Lungen eingeatmet haben. Neuere Forschungen konnten zeigen, dass das Virus bis zu drei Stunden in der Luft, bis zu vier Stunden auf Kupfer, bis zu 24 Stunden auf Karton und bis zu 72 Stunden auf Kunststoff und Edelstahl lebensfähig bleibt. Ein weiterer möglicher Übertragungsweg könnte also darin bestehen, dass man Oberflächen berührt, in denen das Virus vorhanden ist, und anschließend Nase oder Mund berührt, was zu einer Infektion führen kann. Dass das Virus auf Oberflächen nachweisbar ist, bedeutet jedoch nicht, dass es infektiös ist. Es ist eine offene Frage, wie wahrscheinlich eine Infektion über Oberflächen ist. Wahrscheinlicher ist, dass die meisten Infektionen durch den Kontakt von Mensch zu Mensch stattgefunden haben.

COVID-19 gelangt über das Angiotensin 1 konvertierende Enzym 2, kurz ACE2 genannt, in die Wirtszellen. ACE2 ist auch in der Lunge vorhanden, und dort manifestiert sich die Erkrankung bei schweren COVID-19-Verläufen.

Eine Forschergruppe aus Deutschland konnte zeigen, dass es früh im Verlauf der Infektion zu einer extrem hohen Virusausscheidung im Rachen kommt, vor allem in den ersten Wochen. Dies könnte erklären, warum die Infektiosität in dieser asymptomatischen Phase recht hoch ist. Infektiöse Viren wurden leicht aus Rachenabstrichen und Lungenproben isoliert, jedoch nicht aus Stuhlproben, trotz hoher Virus-RNA-Konzentration. Andere Arbeitsgruppen haben gezeigt, dass das Virus in Stuhlproben nachweisbar ist, aber es ist nicht unbedingt infektiös. Eine Übertragung allein durch Stuhl wird damit unwahrscheinlicher. Aus Blut und Urin deutscher Patienten ließ sich keine kompletten Viren isolieren. Virale RNA kann noch längere Zeit nach dem Rückgang der Sputum abgegeben werden, aber die Viruslast in den Rachenproben nahm mit der Zeit ab. Serologische Untersuchungen ergaben, dass es eine Serokonversion, also die Entwicklung spezifischer Antikörper, bei 50 % der Patienten nach sieben Tagen gab und nach 14 Tagen hatten alle Patienten Antikörper. Die Serokonversion war jedoch nicht mit einem raschen Rückgang der Viruslast assoziiert, so dass der diagnostische Wert serologischer Bestimmungen bei Patienten mit aktiver Erkrankung wahrscheinlich eingeschränkt ist.

Diskutiert wird die Frage, ob die Übertragungsraten möglicherweise in der wärmeren Jahreszeit zurückgehen werden. Bei einigen Erkältungsviren und auch der saisonalen Influenza ist das so. Allerdings gab es COVID-19-Ausbrüche teilweise an sehr warmen Orten wie Hongkong und Singapur, was darauf hindeutet, dass dies möglicherweise hier nicht der Fall ist. Es handelt sich um ein neues Virus, und wir können das Wissen über andere Viren nicht direkt übertragen.