Krebs-Therapien aus der Natur: beraten, nicht verteufeln!

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„Wahnsinnige Hoffnung“ lautet die Überschrift eines aktuellen „Zeit-Dossiers", dessen Autoren das Schicksal eines Krebs-Patienten und das seines Arztes schildern. Der eine will „um jeden Preis gesund werden“, der andere „um jeden Preis helfen“. Beide hoffen, dass die alternative Therapie des Arztes den Krebs besiegt. Die Geschichte beider Männer nimmt ein tragisches Ende. 

Dass eine alternative Krebs-Behandlung so verläuft und endet, ist eine wirklich tragische Ausnahme. Doch manchmal kann es schon verwundern, worauf einige Menschen, chronisch Kranke wie Therapeuten, selbst im 21. Jahrhundert noch vertrauen, nach welchen Strohhalmen sie greifen, welche Behandlungen sie den schulmedizinischen Therapien vorziehen. Manchmal sind es Globuli und Gebete, manchmal merkwürdige Diäten und ähnlich obskure operative Maßnahmen. Besonders beliebt sind so genannte Mittel aus der Natur, von denen, trotz Warnungen, manche Menschen noch immer voll romantischer Naivität annehmen, dass diese Mittel nicht nur wirksam seien, sondern, weil ja aus der Natur, grundsätzlich auch „sanft“, also besonders verträglich.

Beweggründe: positive Erfahrungen mit KAM, Angst vor Schulmedizin

Es gibt mehrere Gründe dafür, dass sich Krebs-Patienten eine naturheilkundliche Therapie wünschen, wie Onkologen um Dr. Christian Keinki und Jutta Hübner, Professorin für Integrative Onkologie am Universitätsklinikum Jena, erläutern. Die drei häufigsten Gründe für den Einsatz komplementärer und alternativer Medizin (KAM) seien der Wunsch nach mehr Zeit für gute Kommunikation, positive Erfahrungen mit KAM-Methoden, meist bei Bagatellerkrankungen, und die Angst vor der Schulmedizin und ihren Nebenwirkungen. 

Die Folgen dieser Einstellung können fatal sein, wie etwa eine Studie zeigt, die im Sommer des vergangenen Jahres im Fachblatt „JAMA Oncology"  erschienen ist. Knapp 18 Prozent der Tumor-Kranken, die alternativmedizinische Methoden verwendeten, starben innerhalb von fünf Jahren nach der Krebs-Diagnose. In der Vergleichsgruppe waren es etwas mehr als 13 Prozent. Grund für die höhere Sterberate waren nicht die alternativmedizinischen Therapien an sich, sondern die Tatsache, dass Patienten, die solche Behandlungen anwendeten, häufiger als andere Krebs-Kranke auf schulmedizinische Therapien verzichteten, etwa auf Chemotherapien.

Immunstimulierende Substanzen aus der Natur - ein Review

Eine der Überlegungen und Hoffnungen der Patienten ist dabei oft die, dass sie mit einer alternativen Therapie „körpereigene Kräfte“, insbesondere das Immunsystem stärken und so den Tumor besiegen oder zumindest belastende Begleitsymptome lindern könnten. Das Onkologen-Team um Jutta Hübner hat sich daher die Daten zu Therapien, die das Immunsystem stimulieren können, genauer angeschaut und in einem Beitrag   dargestellt. Dabei geht es konkret um Nutzen und Risiken von pflanzlichen Immunstimulanzien bei myeloproliferativen Erkrankungen. Zu diesen Phytotherapeutika gehören Extrakte aus der Echinacea-Pflanze, Umckaloabo, Mistel-Extrakte und Betaglucane aus sogenannten Heilpilzen. Da Patienten immer wieder auch Immunstimulanzien aus dem Thymus ansprächen, haben sich die Wissenschaftler auch die Evidenz für diese Präparate näher angeschaut. Das Fazit der Onkologen ist für die Anhänger des „Natürlichen“ wenig erfreulich:  

  • Es gibt keine belastbaren Daten für einen Nutzen von naturheilkundlichen Immunstimulanzien bei myeloproliferativen Erkrankungen. 
  • Präklinisch zeigt sich, dass bei unspezifischer Stimulation des Immunsystems auch das Wachstum von malignen Zellen gefördert wird. 
  • Es besteht ein grundsätzlich negatives Nutzen-Risiko-Verhältnis von naturheilkundlichen Immunstimulanzien bei myeloproliferativen Erkrankungen.
  • Von einem Einsatz bei myeloproliferativen Erkrankungen ist nach Ansicht der Onkologen daher abzuraten. 

Die wissenschaftlichen Studien: großes Optimierungspotenzial

Wie es um die wissenschaftliche Datenlage bei einigen der Therapien steht, machen mehrere Beispiele deutlich. Beim Echinacea gebe es zum Beispiel eine einarmige Studie mit 15 Patienten, die an fortgeschrittenen Magenkarzinomen litten; unter Chemotherapie plus Echinacea hatten sie eine geringere Leukopenie als Patienten einer historischen Vergleichsgruppe. Zur Fragestellung der Wirkung bei Leukämien gebe es ein Tierexperiment, dessen Autoren bei Mäusen mit spontanen Leukämien eine geringere Inzidenz beschrieben hätten.

Auch die Qualität der klinischen Studien eines Cochrane-Reviews zu Thymus-Extrakten soll überwiegend dürftig sein. . Außerdem hätten die Autoren des Review keinen Einfluss auf Mortalität, Progression oder Ansprechen auf die antitumorale Therapie nachweisen können. Auch mangele es an Daten, um Aussagen zur supportiven Wirkung treffen zu können. Zudem sei unklar, ob das Tumorwachstum stimuliert werde. Es gebe zwar auch positive Ergebnisse; doch diese Ergebnisse von zwei Studien einer Arbeitsgruppe hätten andere Wissenschaftler nie replizieren können. Nicht besser stehe es um die meist in China durchgeführten Studien zu medizinischen Pilzen bei soliden Tumoren. Zu hämatoonkologischen Erkrankungen gebe es ohnehin kaum Daten.

Eher negativ ist auch das Urteil der Jenaer Onkologen zur Misteltherapie, die trotz früherer Warnungen wegen einer möglichen Proliferations-Förderung „vor allem in der anthroposophischen Medizin“ auch heute noch als „essenzieller Therapiebestandteile bei hämatoonkologischen Erkrankungen“ eingesetzt werde, so Christian Keinki. Die Warnungen seien keineswegs unberechtigt. So sei in einer Studie bei Patienten mit soliden Tumoren eine Korrelation der Misteltherapie mit einer raschen Tumorprogression festgestellt worden. In einer anderen Studie mit Leukämiezellen von Kindern habe ein Mistelextrakt zu einer Stimulation bei 45 Prozent der Zellen geführt, erklärt der Leiter des PIKKO-Teams bei der Deutschen Krebsgesellschaft. „PIKKO“ ist ein Team aus Medizinern, Designern, Psychologen, Grafikern und Studenten, „die die Versorgung für onkologische Patienten in eine neue Richtung führen“ wollen. Auch eine systematische Analyse von 28 klinischen Studien habe keine überzeugenden Belege für einen Nutzen geliefert, berichten die Onkologen um Klinik und Hübner.

Ein Grundproblem: Selbstmedikation

Da Phytopharmaka „klassische“ Präparate der Selbstmedikation sind, wissen behandelnde Hausärzte oder Onkologen oft nicht, dass ein Tumor-Patient sich mit solchen Präparaten selbst zu therapieren versucht. Dieses Wissensdefizit kann laut Keinki zu unterschiedlichen Problemen führen, etwa zu einer Fehlinterpretation von Symptomen und folgenschweren Therapieentscheidungen. 

Ein Lösungsvorschlag: mehr reden und weiter forschen

Bedeutet dies alles nun, dass komplementäre und alternative Behandlungsverfahren grundsätzlich aus der Onkologie zu verschwinden sollten? Besonders strenge Anhänger der evidenzbasierten Medizin mögen dies befürworten. Aber dies wäre wahrscheinlich weder besonders hilfreich noch angesichts der dürftigen Evidenzlage mancher schulmedizinischer Therapien - gerecht. Ohnehin „scheint die herkömmliche und oft auch ideologisch gemünzte Konfrontation von ‚Schulmedizin‘ und ‚Alternativmedizin’ eher sinnlos zu sein, wie vor wenigen Monaten der Bochumer Psychiater Professor Georg Juckel in einem Themenheft zu alternativen Therapien in der Psychiatrie schrieb.

Sinnvoll sei hingegen „alle potenziell vielversprechenden Behandlungsmöglichkeiten für ihren Einsatz bei unseren Patienten zu prüfen“, selbstverständlich mit einer kritischen Grundhaltung. Prüfen bedeutet dabei nichts anderes, als an alternative Methoden die selben Kriterien zur Beurteilung von Wirksamkeit und Sicherheit anzulegen wie an schuldmedizinische Verfahren. Dass da noch Nachholbedarf besteht, dürfte kaum strittig sein.